Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1856-1857)
- Issue
- Heft 7 (April 1857)
- Article
- Ansprache eines nüchternen Trunkenen in einer Versammlung trunkener Nüchterner
- Date
- 1857-04-01
- Page
- 380 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2932754-2932835-2932843-2940922--02518-2940996- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
380 Ansprache eines nüchternen Trunkenen rc. rc׳ fuhr es dahin und Rettung war nirgends zu schauen — da rief's urplötzlich ״Halt" durch des Windes Geheul; — die Gefahr war verschwunden: — Inda schaukelte ruhig und sicher im lächelnden Strahl der Sonne auf feierlicher See. ' Soll Juda sich nicht freuen des wiedergeschenktcn Daseins; soll es nicht jubeln und jauchzen cnn. Tage seiner Rettung? Soll Juda keinen Purim haben, soll Purim kein Fest- und Freudentag sein?? ״Fieber ist keine Krankheit, Purim ist kein Festtag", sagt freilich unser Textwort. Und es blickt dabei aus Euch hin, meint Euch. — Wenn die Fieberhitze verflogen und der Fieberdurst Euch nicht mehr plagt, dann vergeht Ihr des Fiebers, dann vcrgcßt Ihr des Arztes, der Euch den heilenden Chinatrank gereicht. Und Ihr gedenket längst nicht mehr der treuen Vaterhand, die Euch geleitet hat in den rauhen, stürmischen Tagen des Drucks und des Elends; Ihr habt schon lange vergessen der liebenden Sorgfalt der sorgenden Mutter, die heilenden Balsam geträufelt auf die Wunden, die der Haß und der Unverstand der feindlichen Umgebung Euch geschlagen, die unermüdlich wachte am Siechenbette und Euch mit kühlendem Tranke labte, wenn das Dräuen und Drängen des trüben Geschickes Euch die Fieberhitze auf die Stirne jagte. Ihr habt das jüdische Gesetz, die zärtliche Mutter, die Euch gepflegt, schon längst vergesfen und gedenket nur selten noch der treuen Vaterhaus des Allgütigen, die Euch geleitet. Ihr wähnet Euch schon gänzlich frei von allem Ungemach; glaubt, nie kehre das böse Fieber des Vorurtheils und des Hasses wieder; Ihr blickt mit unaussprechlichem Selbstdünkel herab auf die Zeit, wo Ihr noch ruhtet im Arme der Mutter und glaubt Euch schon gänzlich entwachsen ihrer liebenden Erziehung in demselben Stolze, mit welchem das Kind von der Schulter der Mutter, die es dort spielend sitzen läßt, herabblickt und ausruft: Ach, ich bin doch viel größer als meine Mutter? Glaubt Ihr aber in der Thal, Ihr brauchet der Vergangenheit nimmer zu gedenken, hättet auf immer mit ihr abgebrochen; nie kehrten solche trübe Zeiten wieder; ewig werdet Ihr schaukeln auf glattem Meeresspiegel; ewig Euch sonnen im lächelnden Morgenstrahl? Meint Ihr wirklich, der Purim habe sich überlebt; Ihr habet nicht nvthig, ihn hoch und ausgezeichnet zu halten von den übrigen Ta-