Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1856-1857)
- Issue
- Heft 7 (April 1857)
- Article
- Ansprache eines nüchternen Trunkenen in einer Versammlung trunkener Nüchterner
- Date
- 1857-04-01
- Page
- 378 (sequence 2)
- Language
- German
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378 Ansprache eines nüchternen Trunkenen rc. rc. Judengitter auf die reine, ruhig und ungestört stch äußernde Freude der Kammerknechte des heiligen römischen Reichs. Haben die gesprengten Fcffeln, haben die niedergertssenen Gassen, haben die erloschenen Scheiterhaufen, haben die geschloffenen Folterkammern einer noch reinern, wahren! Freude, einer noch größer» Zufriedenheit, einem noch glücklicher!! Dasein Platz gemacht? Schlägt Euer Herz in seligerer Wonne, strahlen Eure Augen in ungetrübterer Freude, — ist Euer Purim eine Fülle noch großerer Heiterkeit?? Ihr schaut mich an. Versteht Ihr mich nicht? Wißt Ihr nicht, daß heute Purim ist? Hat Euch heute Niemand gegrüßt mit dem alten: Gut' Purim, Gut' Purim, Ihr lieben Leut'? Ihr seht mich abermals an, als spräche ich euch von böhmischen Wäldern. — Ich soll mich deutlicher erklären, soll Euch gar eine Rede halten. Es sei, weil Purim ist. Gebt fein Acht und nehmt's Euch ein Wenig zu Herzen. Als Text aber wähle ich zu Euren! und Eurer Kinder Heil und Frommen das allbekannte Sprichwort: Fieber ist keine Krankheit, Purim ist kein Festtag. Ihr findet diesen Text ziemlich barrock, ziemlich ungereimt. Wie kommt Fieber zu Purim? fragt Ihr. Beim Fieber stellt sich ein starker Durst nach kühlendem Wasser ein, am Purim ein starkes Verlangen nach kühlem Wein, könnte ich Euch sagen, wollt' ich Euch nur einfach abweisen. Aber ich will ja eine Ansprache halten zur unterhaltende» Belehrung und belehrenden Unterhaltung. Und darum sage ich Euch, das Fieber, wie der Purim, sie entheben beide den Menschen der schaalen Alltäglichkeit. Das Fieber führt in das goldene Land der Phantasien, der Purim in das schöne Reich der heitern Sorglosigkeit, der sorglosen Heiterkeit. Die Fieberphantasie nimmt dem Schmerz- und Gramerfüllten für die kurze Dauer des Phantasirens seine» Schmerz, seinen Gram und zeigt ihm das Schönste und Herrlichste, was er sich je gewünscht, der Purimgeist, die wirkliche Empfindung, das rechte Verständniß des Purim nimmt ihm für immer hinweg jeden Schmerz und jeden Gram, und giebt in der Wirklichkeit einem Jeglichen das Schönste und Herrlichste — die wahre, immerdauernde Fröhlichkeit. Das Fieber entrückt Euch der Wirklichkeiit, Purim lehrt euch die reale Welt recht begreifen und genießen, das Fieber spannt Eure Leibes- und Geisteskräfte ab., der Purimgeist giebt Euren Kräften neue Elasticitat, frische Säfte. —