Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1856-1857)
- Issue
- Heft 7 (April 1857)
- Article
- Ansprache eines nüchternen Trunkenen in einer Versammlung trunkener Nüchterner
- Date
- 1857-04-01
- Page
- 377 (sequence 1)
- Language
- German
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Ansprache eines nüchternen Trunkenen in einer Versammlung trunkener Nüchterner, gehalten ans dem großen Marktplätze zwischen dem Nh eine und der Oder am Purim S6L7. Vielgeliebte Freunde! Geehrte An- und Abwesende! Wenn ich am heutigen Tage in Eure Mitte trete, Eure AlltagSmienen betrachte, Euch in die trunken-nüchternen Augen schaue, trunken noch von einem kurzen Frciheitsrausche, oder nüchtern, jedes Feuers, jedes Glanzes baar, das früher am Purim aus dem Auge eines jeden Juden strahlte, dann überkommen mich ganz eigene Gefühle, ganz eigene Gedanken. Ich denke zurück an die Zeiten, wo noch aus offenem Markte der Jude nicht zu finden war, zurück an die Tage Eurer Großväter, zurück an die Jahre des äußern Druckes, die Glortenzett unseres Volkes. Das waren denn doch nicht lauter Zeiten und Tage des Jammers, des Elendes, wie man heut zu Tage im jüdischen Kreise so häufig, wie früher in nichtjüdischen Kreisen glaubt. Wir hatten unsere Sabbathe und Feiertage, wo wir gänzlich entrückt der Außenwelt, die uns znrückstieß, froh und zufrieden uns selber lebten; und nun die Purimzett, wie regte es stch da in der wüsten Judengasse! Aus allen Häusern schallte der Jubel, auf allen Gesichtern glänzte die Freude und des Abends glaubte man sich in Venedigs und Roms Carneval versetzt. Alle Thüren waren geöffnet, überall die Tafel gedeckt, der bunte Maskenschwarm füllte die Straße. Fragten die Leute außerhalb des Ghettos, was diesen sonst so stillen, dunkeln Ort denn heute belebte, so hieß es: die Juden haben Fasching.und neidisch blickten die Herren durch das