Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1857-04-01 · Heft 7 (April 1857) · p. 367

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
3 (1856-1857)
Issue
Heft 7 (April 1857)
Article
Der Ghetto und die Juden in Rom
Date
1857-04-01
Page
367 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2932754-2932835-2932843-2940919--02502-2940983
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Von F. GregoroviuS. 367 der ältesten Zeit her begleitend, möchte eine Geschichte des Ghetto wohl geeignet sein, einen Theil der Geschichte der Civilisation über- Haupt zu vervollständigen. Den Verfaffer dieser Abhandlung reizte sie zu schreiben nicht die politische Judenfrage, vielmehr allein die Grellheit des Gegensatzes zwischen dem historischen Christenthum und dem historischen Judenthum hier in Rom. Der Charakter dieser Stadt der Städte, wie er sich dem heutigen Beobachter darstellt, trägt das Gepräge der drei großen Culturperioden des menschlichen Geschlechts, des Judenthums, des Antiken- und des Christenthums. Man kann sie kaum mehr scheiden, so sehr sind sie ineinandergewachsen und so sehr hat der christliche Cultus das Jüdische und das Antike in sich vereinigt. Von den Anschauungen des Alterthums der Griechen und der Römer nicht zu sprechen, so durchwandere man doch Rom und seine Herrlichkeiten: überall springt in die Augen Geist und Gestalt des Hebräerthnms, selbst aus den Gipfeln der christlichen Kunst. Ist es die Skulptur, so ist das Höchste, was christliches Genie nach dem Phidias in Marmor schuf: der Moses des Michel Angelo auf dem Grabmal des Papstes Julius II. Ist es die Malerei: Stanzen und Loggien des Rafael, die Kapelle des Sixtns und so Ungezähltes sind voll von Darstellungen des Testaments der Jude». Ist cs die Musik: was als Höchstes und als Tiefstes der Musik und in der Charwoche gesungen wird, die Lamentationen und das Miserere, sie sind die Klagelieder Jeremtä und die Psalmen der Juden. Und von diesem Volke, welchem das Schicksal die Urkunden der Menschheit anvcrtraute und dem das Christenthum gleichsam von seinem Etgenthum htnweggenommen hat, lebt hier im Ghettowinkel einer der ältesten und historisch merkwürdigsten Reste, an welchem die Geschichte seine große tragische Ironie vollzogen hat.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.