Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1856-1857)
- Issue
- Heft 4 (Januar 1857)
- Article
- Federzeichnungen
- Date
- 1857-01-01
- Page
- 184 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2932754-2932835-2932840-2940598--02223-2940668- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Federzeichnungen. Oktober 1856. Ich hatte dieser Tage eine Unterhaltung mit einem Jünger der ehrsamen Schuhmacherznnft, einem kleinen vierzehnjährigen Burschen, dessen schwarze, lebhafte Augen und leicht markirten Züge die orientalische Abstammung nicht wohl verleugnen können. Seine Hetmath sei ein Provinzialstädtchen, erzählte er mir; die Eltern, bedürftige Leute, hätten sich nur schwer dazu verstehen können, ihn in die Residenz zu senden und nur dem anhaltenden Drängen des jüdischen Lehrers, dev versprochen, ihn dem Schutze des israelischen Handwerkervcreins zu übergeben, sei es gelungen, sie dazu zu bewegen. Der Lehrer habe die Fürsorge des Vereins so sehr gelobt. — ״Wie bist du denn mit dem Vereine zufrieden?" fragte ich. — Der Kleine stockte; nach einigem Zögern jedoch bekannte er, der Verein gewähre ihm, außer einer ziemlich unbedeutenden Beisteuer zur Kleidung, gar Nichts. ״Und am Sabbath?" warf ich wieder ein. ״Von Sabbath und Feiertagen werde ich Nichts gewahr. Ich bin frommer Eltern Kind, und nur die Hilf- und Rathlosigkeit in der großen Stadt konnten mich dazu bringen, am Sabbath zu arbeiten. Ich darf ja überhaupt hier Nichts vom Judenthum wissen, fügte er leise hinzu, als ob ihn ja Keiner belauschen solle; ich muß beim Meister wohnen, dort essen und darf auch keine Ziziß tragen; der Vorsteher hat es verboten, weil wir den ganzen Tag in Hemdsärmeln arbeiten und sie da zu sehen kommen können. Ich aber trage doch ein Arbakansaus, sagte er triumphirend, unterm Hemde und um Tefillin zu legen stehe ich immer eine Stunde früher auf, sonst habe ich keine Ruhe vor den andern Lehrlingen, mit denen ich zusammen schlafe." Sie wünschen ein ferneres Blatt aus meinem Sktzzenbuche. — Hier haben Sie. — Ist Ihnen diese Federzeichnung deutlich genug? Zeichnet sie Ihnen nicht in scharfen Contouren die ganze Erbärmlichkeit, den ganzen Jammer, in welchen das Judenthum zu Grabe getragen werden soll?