Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1856-1857)
- Issue
- Heft 4 (Januar 1857)
- Article
- Die Synagoge zu Berlin
- Date
- 1857-01-01
- Page
- 173 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2932754-2932835-2932840-2940597--02211-2940657- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Synagoge zu Berlin. Eine historische Skizze von Dr. M. Kayserling. In einer Zeit, in welcher jährlich neue Synagogen mit vieler Pracht und allem erdenklichen Lurus aufgeführt werden, in einer Zeit, wo man die bei der Einweihung derselben gehaltenen Reden, was der Geistliche auf dem Wege von dem alten nach dem neuen Gotteshause gedacht hat, wie die Chöre sangen, die Mädchen gekleidet waren und wer die Pforte des neu geweihten Hauses geöffnet hat — wo man alles dieses eifrig und -genau der Oeffentlichkeit übergibt, in einer Zeit, wo der größte Thetl des jüdischen Lebens einzig und allein auf die Synagoge beschränkt ist und in gewiffen Kreisen nur in diesem Gebäude an gewiffen heiligen Tagen die Juden als Juden zu finden sind, in einer solchen Zeit sollte uns die Geschichte, die Entstehung der alten Synagogen, dieser wichtigen Denkmäler einer alten Zeit und eines alten Judenthums nicht gleichgültig lassen. Von diesem Gesichtspunkte aus wollen wir der alten Synagoge zu Berlin einige Aufmerksamkeit schenken. Wir nennen sie alt, obwohl sie kaum über 150 Jahre besteht und mit den Gotteshäusern aus grauer Vorzeit, wie wir sie in Prag, Worms und anderen Städten antreffen, sich an Alter und Geschichte nicht messen kann. Sie trägt nicht die Spuren grauenhafter Schreckensscenen an sich, in ihr erschallten nicht das Klagegeschrei und die letzten Seufzer einer aus der Heimath vertriebenen Schaar, ihre Wände sind nicht mit dem Blute der von fanatischen Schwärmern gemordeten, im Heiligthum Schutz suchenden jüdischen Märtyrer bedeckt — aber auch in ihr machte sich die von Noth und Bedrückung gepreßte Brust Luft, auch ihre Mauern waren stumme Zeugen jüdischen Elends, einer Vergangenheit, die wir jetzt der Gegenwart nicht zurückrufen wollen.