Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1856-1857)
- Issue
- Heft 1 (Oktober 1856)
- Article
- Anfrage / L.
- Date
- 1856-10-01
- Page
- 43 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Anfrage. 43 (Eingesandt.) §. Es gab eine Zeit, in welcher man die Perlen weltlicher Wissenschaften einzig und allein aus dem ״Meere des Talmuds" zu gewinnen suchte. Man verschmähte, die Wissenschaft als solche zu ehren, nicht nur deßwegen, weil sie in der Zeit der gänzlichen Jsolirung des Juden keinen absoluten Werth für ihn hatte, vielmehr deshalb, weil der Gläubige kein höheres Lebensziel kannte, als das Wohlgefallen Gottes zu erlangen und ihm kein sichereres Mittel zu diesem hohen Ziele zu Gebote stand, als in der Gotteslehre zu forschen, um die Resultate der Forschung sich und Andern anzüeignen ללמוד וללמד לשמור ולעשות. — Die weltlichen Wissenschaften waren unfern Vätern nur die Dienerinnen der Thorah, die Peripherie der von der Religionskenntniß ausgehenden Radien, die Edelsteine an der Krone der Gffetzeskunde. Und dennoch stehen wir staunend vor den Heroen des Talmuds, wenn sie in diesen ״äußerlichen Wissenschaften" — חכמות חצוניוח — in diesen ihnen nur als Nebensachen geltenden Dingen, oft weit über ihre Zeit hervorragten, mindestens aber auf der Höhe derselben standen. Ihre Botanik, Zoologie, Astronomie, Mathematik, Heilkunde re. betreffenden Sätze geben lautes Zeugniß hiervon. Ganz anders ist es aber in unserer Zeit geworden. Mit der betrübenden Abnahme der Thorahkunde nahm die Beschäftigung mit den profanen Disciplinen merklich zu. Sociale und materielle Verhältnisse führten auch den Juden in die Hörsäle der weltlichen Wissenschaften; er befreiet sie aus ihrem Religionsdienste; er erkennt ihre Selbstständigkeit an und gibt sich ihnen mit Liebe und Ausdauer hin! Beklagen wir diesen Umstand nicht! Ist nun einmal das Thorahstudium nicht mehr Sache eines jeden, oder doch der meisten Juden, so ist das weltliche Studium an und für sich — so lange es sich dem Judenthum nicht feindlich entgegenstellt — nichts wemger als des Juden unwürdig. Wahre weltliche Wissenschaften, nawentlich Naturwissenschaften, widersprechen nicht nur denen der Religion nicht, sie gehen vielmehr jetzt noch Hand in Hand mit derselben und führen den Israeliten gemeinschaftlich zum Ziele. Auch ohne Thorahkenntniß nach den Schätzen anderer Kenntnisse zu graben, ist — wenn auch nicht dem Berufe als Zsraelite angemessen — doch seines Berufes als Mensch würdig, und wer nicht die höchste Stufe des Lebens ersteigen kann, ist doch gewiß nicht verurtheilt, auf der nredrigsten Stufe bleiben zu müssen. Zu beklagen haben wir nur die Uebergriffe, die Mißverständnisse, die Absurditäten, die falschen Folgerungen, das Uebertragen von Jrrthümern auf die ״Lehre der Wahrheit," oder die Jnconsequenzen zwischen Glauben und Handeln; Fehlgriffe, die in unsrer Zeit oft im Gefolge vermeintlicher Wissenschaft auftreten, auf deren Widerlegung, oder Un-