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Jeschurun · 1856-09-01 · Heft 12 (September 1856) · p. 639

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
2 (1855-1856)
Issue
Heft 12 (September 1856)
Article
Über die Verhältnisse der Juden in Rußland
Date
1856-09-01
Page
639 (sequence 8)
Language
German
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der Juden in Rußland. 639 auch die mohamedischen Imams vor leidlichen Züchtigungen, — die Rabbiner aber werden vorkommenden Falles damit bedroht. 10) Der jüdische Cultus, obgleich vom Staate gänzlich ignorirt, ohne Gesammtverband, Organisation uno Centraltsatton sich selbst überlassen, wird hinsichtlich der finanziellen Verhältnisse der Synagogen minutiös von der Polizei überwacht. Die kirchlichen Einkünfte und Ausgaben stehen unter strenger Controlle der Ortsbehörden. Alle Brüderschaften zu wohlthätigen und dgl. Zwecken sind abgeschafft. Die Synagogendiener sind lediglich Vollzieher der An- Ordnungen, welche die Ortöbehördc trifft. 11) Der Elementar-Unterricht der Zugend in der Provinz liegt gänzlich darnieder, und wird nicht sowohl befördert, als gehindert. Es giebt Gemeinden, die auf eigene Kosten Elementar-Sch ulen anlegen wollten, aber die Bewilligung nicht erlangen konnten. Wird doch selbst denen, welche die Schule in Warschau besuchen wollen, die Befreiung vom ״Tagzettel" versagt. Es ist dies Thatsache, und die Folge, daß in den kleinen Städten die Jugend dem Chafsidtsmus sich hingibt, in welchem allein sie noch etwas Geistiges erblickt, und damit sind alle Thore für Licht und Gesittung verschlossen. 12) Nicht bloß die jüdisch-theologischen, sondern selbst die alten Gebetbücher sind der Censur unterworfen, welche in Warschau viel strenger, als in Petersburg gehandhabt wird. Stellen, welche ganz unzweideutig in keinem Bezug zur Gegenwart stehen, werden gestrichen, verändert, Zusätze gegeben, die einen ganz andern Sinn haben. Dies ist in gedrängten Zügen die Lage der polnischen Juden, welche eine Erleichtcruug, eine Abhülfe auf das Dringendste erfordert. Nicht an die Gefühle des Menschenfreundes allein appcllirt dieselbe, sondern auch an die Einsichten des Staatsmannes. Diesem drängt sich nothwendig^die Frage auf: wie ist es möglich, daß eine so zahlreiche Bevölkerung unter solchen Verhältnissen gar eristiren kann? Alle Zähigkeit des Charakters, alle glühende religiöse Anhänglichkeit vermag allein diese Frage ihm nicht zu beantworten. Er wird auf dir dunkle Schattenseite verwiesen, wo dem grausamen Gesetze gegenüber die Bestechung der Beamten das einzige Rettungsmittel vor dem Untergange wird, wo die Menschlichkeit und der Vortheil zu gleichen Theilen den Beamten dahin führen, den tödlichen

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