Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1855-1856)
- Issue
- Heft 12 (September 1856)
- Article
- Über die Verhältnisse der Juden in Rußland
- Date
- 1856-09-01
- Page
- 633 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2932754-2932821-2932834-2940176--01864-2940221- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
der Juden in Rußland. 633 Der Friede hat den Osten und Westen wieder versöhnt und dir Blicke sind von Neuem auf das kolossale Rußland gerichtet, welches der Schätze noch so unermeßliche für die Menschheit in seinem Schooße birgt. Sie sind vor Allem gerichtet auf den neuen Selbst- Herrscher, der, nachdem er den Kampf kräftig geführt, so schnell den Frieden Europa wiederzugeben verstand. Dieser Krieg war eine große Schule für alle Welt- Rußland insonders hat sicherlich erfahren, daß in seinen Instituten und Gesetzen Manches vorhanden, was die großen Versprechungen nicht gehalten und in der Prüfung sich als eitel erwies; es hat aber auch erfahren, daß enorme Kräfte in seinem Innern enthalten sind, welche nur geweckt und gepflegt zu werden brauchten, um Rußland wett größer und wahrhaft großer zu machen, als es je gewesen. Es muß sich ihm die Ueberzeugung aufgedrängt haben, daß es Richtungen verfolge, welche seinen eigenen Aufschwung und seine eigene Macht lähmten und die nur aufgegeben zu werden brauchen, um einem mächtigen Impuls freien Raum zu gigantischer Entwicklung zu lassen. Zwei große Fehler haben sich die Männer in Westeuropa gegen Rußland stets zu Schulden kommen lassen: den einen einer unbegrenzten Feindseligkeit, den andern, Rußland schulmeistern zu wollen. Rußland, dieser große Theil der ganzen jetzigen Menschheit, muß in seiner Berechtigung anerkannt werden und jede Feindseligkeit gegen dasselbe an sich ist ein Widerspruch mit den Grundsätzen, welche man im Westen predigt. Diese Berechtigung besteht aber wesentlich in seiner eigenen Art, von der aus es seine große Bahn vorwärts geht. Der Kaiser Alexander hat in seinem Manifeste Gerechtigkeit für Alle verheißen und alle seine bisherigen Handlungen lassen ketnen Zweifel zu, daß Gerechtigkeit für Alle der große Wahlspruch seiner Regierung sein wird. Was Wunder, daß insbesondere ein Theil seiner Unterthanen hoffnungsvoll auf Ihn ausschauet, welche bis jetzt durch das Gesetz in den wichtigsten Lebensmomenten einer drückenden Ausnahmsstellung unterworfen waren, deßhalb niemals die großen Kräfte zum Heile der Gesellschaft zu entfalten vermochten, welche auch in ihnen ruhen. Wir meinen die russischen Juden, insbesondere diejenigen,