Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1855-1856)
- Issue
- Heft 8 (Mai 1856)
- Article
- Cincinnatti
- Date
- 1856-05-01
- Page
- 455 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Cincinnati. :455 Haft tüchtige rabbtntsche Kenntntß und bringen so ihre heiligsten Angelegenheiten in die Hände einer geistigen Impotenz und Unwtssenheit, die auch hier, wie überall, ihre Schwächen durch rücksichtslose Anmaßung zu bedecken pflegt. Manche Gemeinden sind auch so unglücklich Leitern in die Hände zu fallen, die ihre religiösen Grundsätze nach den unlautern Diktaten eines geld- oder rühmsüchtigen Strebens gestalten und die heute die Fahne des Conser- .vatismus und morgen die Flagge destruktiver Reform aufhtffrn, je nachdem die eine oder die andere ihnen eine glücklichere Fahrt für ihre ehrgeizigen und selbstsüchtigen Bestrebungen zu versprechen scheint. Wohl zählt auch Amerika, namentlich in den größeren Städten mehrere tüchtige und gelehrte Theologen, die mit gründlicher» talmudischen Kenntnissen eine vielseitige wissenschaftliche Bildung verbinden. Allein ihre Ansichten und Grundsätze divergiren großtentheils so stark, daß ihre in so verschiedene Richtungen sich bewegende Wirksamkeit im Ganzen doch nur eine für jetzt höchst trostlose Confuston -hervorruft. Die gegenwärtigen jüdischen Verhältnisse in diesem jüngsten aller Coytinente bieten daher beim ersten Anblick noch daS Bild jenes Tohu-Wabohu, in welchem nach griechisch-philosophischer Anschauung die einander ^feindlichsten Elemente gährend durch einander trieben, und sich um die Herrschaft bei der zu gestaltenden Welt stritten. Jnfusorien-gletch erzeugt jedes dieser Elemente Legionen eigenthümltcher Dogmen, die durch das Medium der Presse dem Auge — aber leider nicht dem Verstände zugänglich gemacht werden. Hoch ist dieses unstäte, unsichere Judenthum durchdas fortwährende Reiben und Zanken — Zweifeln und Schwanken — Kämpfen und Disputiren — Streiten und Ehikaniren — bald ein Rück- Vorwärtsgehen, bald ein Vor-Rückwärtsdrehen, und eine wahrheitsgetreue Charakteristik des jungen, werdenden amerikanischen Judenthums zu entwerfen, ist daher eine Aufgabe, der wohl noch kaum Jemand gewachsen sein dürste. Die Wichtigkeit einer solchen Aufgabe verkenne ich keineswegs und wenn meiner Feder irgend ein humoristischer Zug entschlüpft, so sollte dieser nur Ihnen — eine Jeremiade ersparen. Fühlt man doch bei solchen Schilderungen ganz die Wahrheit jener Verse Byrons: ״If I laugh at any morfcal tlüng — T’is that I may not weep!" ״Lache ich über ein menschlich Ding — so ist'S nur, damit ich nicht weine!"