Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1856-05-01 · Heft 8 (Mai 1856) · p. 414

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
2 (1855-1856)
Issue
Heft 8 (Mai 1856)
Article
Ijar
Date
1856-05-01
Page
414 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2932754-2932821-2932830-2939759--01518-2939784
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

414 Wochen und Tage der Uebergangs-Pertode». Verdumpfung und die kalte schmalstirnige Selbstsucht — auf dem Grabe der Morgenröthe beginnen ste ihre nächtlichen Orgien zu feiern, ihnen, den Wiederauferstandenen, meinen sie, sei nun erst recht das Reich ihrer ewigen Herrschaft, gekommen, darum feiern sie schamlos nackt ihre nächtlichen' Orgien. Die Erlösungsidecn der Wahrheit und deS Rechts, der Heiligung und der Sitte, der Menschenwürde und des göttlichen Adels der Menschenseelen sind ja zum Gelächter geworden. Darum verschmähen sie die Hüllen, mit denen sie einst auf ihrem'ersten Grabesgang ihre Blößen noch gedeckt, die kindischen Lappen lassen sie den Särgen, zeigen der erschreckten Zeit die alten Schwären und den alten Moder in ihrer ganzen unverhüllten Schreckensgestalt — und sehen nicht in ihrem Taumel, wie sie eben in dieser Verblendung sich das Grab noch tiefer graben, die alte Sehnsucht nach Erlösung nur um so mächtiger wecken und einen Herold mit der Morgeurothbitte an den Thron des Weltenrichters senden, der noch immer Einlaß gefunden — die Thräne, die die gedrückte, die verkümmerte Menschheit weint. Eine solche Zeit, in welcher der Genius der Menschheit verzweiflungsvoll in die Nacht ausschaut und vergebens den Schimmer- Punkt im Osten sucht, an welchen sich die Hoffnung klammern könnte, es habe schon die Sonne den Nadir überschritten und sende bereits den Dämmcrhauch ihres Heranzuges hinter den Rücken der nächtlichen Schläfer vorauf— eine solche Zeit, in welcher das Gefühl der Unzulänglichkeit des Bestehenden Alle erfüllt, ohne daß Einem die Zuversicht inne wohne, die Menschheit werde nun auch fähig, sein, aus eigenem Schooße das Neue, das Bessere dauernd zu gebähren, — eine solche Angstperiode des Uebergangs, in welcher die Jahrtausende der Vergangenheit zu versinken scheinen und die Gegenwart verzweiflungsvoll die Hände ringt und sich nicht zu sagen wagt, ob sie als der letzte müde Ausläufer dieser Vergangenheit mit in das Gcrölle der alten Nacht verschüttet zu werden bestimmt sei, oder die Erschütterungen, die sie fühlt, schon den Geburtswehen einer jungen, frischen Zukunft angehören, vor der sic gleichwohl wie vor jedem Unbekannten nicht minder zittert, weil sie es fühlt, daß, wenn diese Zukunft kommt, sie ohne ihr Znthun nur als Gnadengeschenk einer höher« Macht ihr komme, der sie willenlos wie das Kind im kreisenden Mutterschooße in den Armen liegt — eine solche Zeit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.