Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1855-1856)
- Issue
- Heft 6 (März 1856)
- Article
- Geschichte der Juden
- Date
- 1856-03-01
- Page
- 316 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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316 Geschichte der Juden von vr. Gr ätz. Fünfter Artikel. Geschichtswerk mit Recht dieser inner« Geschichte der Juden sein vorzüglichstes Augenmerk schenkte, ging ihm die Geschichte der Juden in eine Geschichte der jüdischen Lehre auf, und, statt in den geistigen und sittlichen Großen der jüdischen Vergangenheit das Produkt der mehr oder minder zu Bewußtsein >md Verwirklichung gekommenen Lehre zu erblicken, ist ihm vielmehr die Lehre als ein Produkt der mehr oder minder schöpferischen, so oder anders sittlich geneigten Geister erschienen, und an die Stelle einer wirklichen Entwickelungs- Geschichte der Juden trat eine erdichtete Geschichte der Entwickelung der Lehre. In dieser Umkehrung der Verhältnisse erblicken wir den Grundirrthum dieses Werkes. Es sollte eine Geschichte geschrieben werden wo nichts geschehen war, es sollte eine Entwickelung gezeigt werden wo sich nichts entwickelt hatte. Was Wunder, daß Kalliope der Klio den Griffel aus der Hand nehmen, daß man geflissentlich die Augen vor den klar darliegeuden Thatsachen schließen, daß man Quellen verstümmeln, Fakta entstellen, Motive erdichten und sich an der Hand der gaukelnden Phantasie zu einer leichtfertigen, ungründlichen und unwahren Behandlung der Urkunden hinretßen lassen musste, die unter der Leitung eines wahrhaft historisch forschenden Strebens ein wahres Räthsel sein würde. Eine eclatante Probe dieser Geschtchtsdichtuug haben wir in den bisherigen Artikeln unser» Lesern vorgeführt. Es galt eine geschichtliche Entwickelung der jüdischen Lehre zu construiren. Dazu bedurfte man eines Ausgangspunktes, eines Satzes und Gegensatzes, einer Vermittelung, eines Kampfes, eines endlichen Sieges — und wie herrlich, wenn eben diese Entwickelung selbst Gegenstand des streitenden Gegensatzes, wenn sich die Entwickelung an der Entwickelung entwickelte, wenn sich das Ganze in dem allerneuesten Gegensatz bewegte, — eine starre, konservative Parthei, die kein Haarbreit von dem Ueberlieferten wiche, eine bewegliche, lebendig schöpferische, die durch diverse Kunstmittel den alten überlieferten Schatz flüssig zu machen versuchte und Menschenerzeugniffe dem alten Gottesstamm aufpfropfte, und ein Kampf der Schulen, und eine justs milieux Parthei, die besonnen mitten inne stände, und ein endlicher Sieg des Geistes über die Einfalt, des Lebens über die Unbeweglichkeit, des Menschlichen über das Göttliche, und alle die daraus von