Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1855-1856)
- Issue
- Heft 4 (Januar 1856)
- Article
- Ein Wort an Herrn Kirchheim
- Date
- 1856-01-01
- Page
- 244 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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244 Ein Wort an Herrn Kirchheim. tivett Werth einer jüdischen Geschichte notiren und mir dabei die schüchterne Frage erlauben, ob es dann nicht besser wäre eine jüdische Geschichte gar nicht, oder doch wenigstens so zu schreiben, daß auf allen Seiten die Warnungstafel stehe: nehmt das Alles nur als Conjektur, Geschichte ist es ohnehin nicht, — und ob denn'nicht ein ganz kleiner Unterschied sei zwischen einem Buche, in welchem sich einige Zrrthümer befinden, und einem Buche, in welchem sich einige Wahrheit befindet, und ebenso zwischen Conjekturen, die wahr sein können und Conjekturen die offenbar unwahr sind, und deren Schöpfer sich gar nicht in den Quellen gehörig umgeschaut, um der Wahrheit auch nur mit Wahrscheinlichkeit nahe zu kommen, — wollte auch Ihre Kunst in Räthselaufgaben über die Tradition und zugleich die Freundlichkeit bewundern^ den Räthseln sofort die Losung beizufügen, so daß man nicht einmal wie in den Büchern der Kinder das Buch umkehren muß um die Lösung zu finden, sondern sie frisch weg von den Zeilen mitlesen kann — alles Dies und noch manches Andere muß nun für heute zu meinem Leidwesen unterbleiben. Eine gutmüthige Thorheit erlauben Sie mir jedoch noch zum Schluffe. Ich möchte einmal Ihrer Zunft in's Handwerk pfuschen. Ich möchte mich auch einmal in der höheren Kritik versuchen, möchte auch einmal eine historische Conjektur wagen. Vielleicht erlebt sie noch Freude an mir. Vielleicht kann noch einmal etwas Rechtes aus mir werden. Ich habe lange darüber conjekturirt was Sie, Herr Kirchheim, mit einem male so ganz aus Ihrem Charakter, wie ich -ihn mir wenigstens gedacht, in die Rolle eines verdächtigenden Verläumders habe fallen lassen mögen. Da siel mir der Satz unserer Weisen ein, die, wie Sie wissen, nach dem Volkswitz keine Narren waren: שנאה מקלקלת את השרה ארבה מקלקלת את הש1רה, Haß führt zum Unrechten,. Liebe führt zum Unrechten. Ich conjekturire : Liebe hat Sie Min Unrecht verleitet. Es braucht nicht gerade Liebe zu dem betreffenden Gegenstand zu sein, die zum Unrecht führt. Man kann aus Liebe zu einem Dritten einem Andern unrecht thun, der sonst weder der Gegenstand unserer Liebe noch unseres Hasses ist. Ach glaube, die Liebe zu der Lehranstalt in Breslau, die Liebe zu der literarischen Wissenschaft, für welche Sie so große Hoffniingen an eine Anstalt knüpfen zu dürfen vermeinen, welcher meine Kritik eines Werkes, dessen Verfasser Lehrer ail derselben ist, indirekt zum Nachtheil gereichen könnte, — hat Sie zu dem Unrecht verleitet. Das ist ein Milderungsgrund für Ihr Verfahren, den ich Herausconjekturirt. Es soll mich freuen, wenn ich das Rechte getroffen. Und somit Gott befohlen. Frankfurt a. M>, 25 Dec. 1855. Samson Raphael Hirsch.