Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1855-1856)
- Issue
- Heft 2 (November 1855)
- Article
- Frankreich : Lyon [Nachricht]
- Date
- 1855-11-01
- Page
- 122 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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122 bereit Familien einen vollständigen religiösen, bürgerlichen und klassischen Unterricht erhalten. Diese von der Gemeinde errichteten, der Aufsicht des Rabbiners und anderer durch Einsicht, Karakter und Frömmigkeit ausgezeichneten Männer unterstellten, und von fähigen und gewissenhaften Lehrern geleiteten Anstalten können mit allen andern öffentlichen und privaten Anstalten wetteifern und werden fortan unsere Kinder vor allen gefährlichen Versuchungen schützen, indent sie den Eltern jeden Vorwand benehmen, nichtjüdische Anstalten den jüdischen vorzuziehen. Die Gründüng dieser Anstalten hat große Anstrengung gekostet. Aber Gott wird das Werk auch segnen. ״Die Anstalten, die wir für die jüdische Erziehung unserer Jugend zu gründen beauftragt waren — sagt unter andern der Herr Rabbiner von Lyon in seiner Eröffnungsrede — und die Vielen als eine Utopie, als eine Chimäre erschienen, sind nun eine Wirklichkeit geworden — und in nicht geringem Maaße ist das Judenthum bei diesem Unternehmen für den jüdischen Unterricht betheiligt. Das Bedürfniß, confessionelle Anstalten für den ersten Unterricht unserer Jugend zu haben, war vielleicht zu keiner Zeit so gebieterisch fühlbar als in der Unsrigen, wo der Geist der Proselytenmacherei von allen Seiten weht und sich ganz besonders an diejenigen wagt, die wegen ihrer Jugend und Unerfahrenheit, am wenigsten auf ihrer Huth zu sein vermögen, am wenigsten Fähigkeit haben Widerstand zn leisten. — — Als in den ersten Zeiten unserer französischen Emancipation uns der Besuch der öffentlichen Schulen nicht als eine Gunst, sondern als ein unbestreitbares Recht gestattet wurde, wurde dies von allen Freunden des Fortschrittes aufs freundlichste begrüßt. Man erblickte darin eine rasche Anbahnung der Verschmelzung oder doch der Vereinigung aller Kulte! Wir wollen nun nicht im Rückschritt uns bewegen, wir huldigen in keiner Beziehung dem Kasten-System, und werden uns wohl hüthen, auch nur irgend wie einen Beitrag zur Wiederherstellung jener Scheidewand zu leisten, die uns so viele Jahrhunderte von unfern Brüdern anderer Confession trennte und deren Schwinden der Gegenstand aller unserer Wünsche gewesen. Ja, wir sind vollkommen überzeugt, die Berühnmg unserer Kinder mit anderen Glaubensgenossen hat ihre Vortheile wie ihre Gefahren. Wir lassen sie daher gerne den Studienkurs der Universität durchmachen, zuerst, damit sie dort sich diejenigen literarischen und wissenschaftlichen Kenntnisse aneignen, die ihnen anderwärts nicht so gründlich und nicht in so reichem Maaße dargeboten, werden. Dann aber auch damit sie in Beziehung zu Mitschülern andern Glaubens treten, und sich an die Gesinnungen der Toleranz und des brüderlichen Wohlwollens gewöhnen, die der jüdischen Menschenliebe zu Grunde liegen. Allein wir wollen diese Berührung nicht ohne Beschränkung, ohne Schutzmittel lassen, wir wollen sie nicht, in den Jahren des Unterrichts eintreten lassen, wo daS Herz noch zugleich mit dem Geiste sich bildet und wo die religiösen Gesinnungen und Grundsätze des Kindes durch die ewige