Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1855-1856)
- Issue
- Heft 2 (November 1855)
- Article
- Cheschwan
- Date
- 1855-11-01
- Page
- 82 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2932754-2932821-2932824-2939129--01038-2939184- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
82 Chcschwan. und Kämpfen und Irrungen des Lebens nicht verloren gehen werden? Zurückgekehrt in den Kreis unseres alltäglichen Lebens, wandeln wir da noch also vor Gott, wie wir in den Tagen der Festzeit vor Gott gestanden, so rein und frei, so hingegeben und muthig und kräftig und stark und heiter und froh und freudig und friedlich — oder ist unsere Reinheit schon getrübt, unsere Freiheit gebrochen, unsere Hingebung schwankend, unser Mnth gedrückt, unsere Kraft geschwächt, unser heiterer, froher, freudiger Friede schon — geflohen? Siehe, es ist der Schöpfer des menschlichen Gemüthes, der unsere. Heiligthümer gestiftet, und jeder Fuge, jeder Falte dieses Gemüthes, jeder Möglichkeit der mißbräuchlichen Verkennung seines Heiligthumes, jedem irrthümlichen Gedanken, der nur irgendwie die beseligende Kraft feiner Heiligthümer gefährden, ja in ihr Gegentheil umwandeln könnte, gehet die Lehre seines Heiligthums vorsorglich nach, und hat überall an die zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Heiligthum und Entartung, zwischen Leben und Tod entscheidenden Wendepunkte die Merkstäbe ihrer Wahrzeichen aufgepflanzt und die ״Saatkörner ihres Lichtes" "״אור זרוע — wie das Wort der Weisen die Mizwoth nennt — ausgestreut, auf daß das Heiligthum ein ״Heiligendes" uns werde und bleibe, und nicht mißvcrstanden selber zu einer mißbräuchlichen Brücke entheiligenden Wahns hinabstnke. Keinen Gedanken fürchten aber die jüdischen Heiligthümer so sehr als den, als einen Gott zu zollenden Tribut, als Etwas betrachtet zu werden, womit man, wie man spricht, auch ״Gott" und dem ״Göttlichen" gerecht werde, womit man das Bedürfniß befriedige, doch auch ״Gott" und dem ״Göttlichen" etwas zu leisten! Nichts so sehr als den Gedanken, daß in dem Besuche des Heiligthums und in der Darbringung der Heiligthümer bereits der Zweck des Heiligthums sich erfülle; nichts so sehr als den Gedanken, daß der Zweck des Hetligthums sich auf die Spanne Zeit des Besuchs des Heiligthums beschränke als 0H das Heiligthum um Gotteswtllen erbaut, die Heiligthümer, Zeiten, Räume, Gegenstände um Seinetwillen geheiligt und geweiht wären, damit doch auch Gott das Seinige finde aus Erden — und nicht vielmehr das Heiligthum um unsertwillen gestiftet, Zeiten, Räume, Gegenstände um unsertwillen geheiligt, um unsertwillen über den Kreis des alltäglichen Lebens