Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1854-1855)
- Issue
- Heft 12 (September 1855)
- Article
- Aus der Mappe eines wandernden Juden
- Date
- 1855-09-01
- Page
- Seite 654 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus der Mappe eines wandernden Juden. 6. Ich war müde. Nicht der wandernde Fuß, nicht die tragende Schulter, aber das fühlende Gcmüth, aber der denkende Geist, aber das stmundc Herz — zu viel hatte ick gesucht, zn wenig hatte ich gefunden, zn viel hatte ich geschaut, und ach, nur so wenig Tröstliches war's, was ich gesehen. I» so manchen Kreis war ich gekommen, in so maircher Familie hatte ich geweilt, so manche Gemeinde hatte ich gemustert, Schulen, Führer, Lehrer, Menschen, Bücher hatte ich gefragt nach einer Hoffnungsstätte des Judenthums, nach einem, wenn noch so heimlich stillen Kcimplätzchen des HciligthumS, dem meine ganze Seele angehört, und ach, wie gering, wie traurig spärlich die Erndte meiner Wanderungen. Nicht einmal Vcrständniß meiner Frage war mir meistens zu finden vergönnt. Man zeigte mir die Eleganz jüdischer Häuser, daS Rcnommä jüdischer Firmen, den Ruhm jüdischer Künstler, den Eklat jüdischer Federn, — man zeigte mir die Soireen jüdischer Salons, die F4tcn jüdischer Familie», die Tournürc jüdischer Männer, die Zierlichkeit jüdischer Damen, — man zeigte mir die Programme jüdischer Schulen, den byzantinischen Styl jüdischer Synagoge», die Contrapnnkt-Compositionen jüdischer Ehöre, den schtvarzgoldcncn Einband jüdischer Gebetbücher, die Doktordiplome jüdischer Prediger und Rabbintn, die Feuilletons jüdischer Journale, und als Legirstempcl dieses Ganzen die beneidende und lobende Anerkennung selbst aus nichtjüdischem Munde, von nichtjüdischcn Federn — und wenn ich dann nach allem diesem noch mit der schüchterne» Frage mich hinanswagtc: „und das Judenthum? und die Zukunft des JudcnthumS?" dann schüttelte man meistens mitleidig daS Haupt über die Einfalt, die eine so glänzende Gegenwart nicht begriffe oder über die Unzufriedenheit, der solche Errungenschaften nicht genügten. Und wie viel habe ich gesehen, was man mir nicht gezeigt! Ich sah die lebendige citele — wenngleich gutmüthige — Thorheit Sccpter und Reichsarchiv der jüdischen Zeitgeschichte führen, und King Lear gleich den von noch ärmeren poor Dom» geflochtenen Strohkranz wie ein Diadem der Unsterblichkeit ans das immer mit neuen Mincrvcn schwangere Jnpiterhaupt sich drücken. Gutmüthig schmückt er von Zeit zn