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Jeschurun · 1855-09-01 · Heft 12 (September 1855) · p. Seite 639

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1 (1854-1855)
Issue
Heft 12 (September 1855)
Article
Federzeichnungen
Date
1855-09-01
Page
Seite 639 (sequence 3)
Language
German
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Federzeichnungen» 639 Volk! — — — Die Studenten batten längst den Platz geräumt, und ich stand noch immer ihnen nachschanend da. Und vor meine Blicke trat wiederum die Zeit, wo ich da war, wo sie jetzt sind. — Die Ghettimanern waren kaum gefallen, die Bewegung, die die große Erhebung Frankreichs auf politischem, die seine Geister auf philosophischem Gebiete hervorgerufcn, übte noch ihre frische Kraft auf Deutschlands Boden; auch der Juden Geschick und der Juden Geister wurden von ihr ergriffen. — Drei Jahrhunderte hatte Inda Zeit gehabt über die große Verirrung, in welche eö unter Jberienö milder Sonne gerathcu, nachzudcnke»; hatte in den rauhen Stürnicn dreier nächtlicher Jahrhunderte Zeit gehabt, sich die große Lehre wieder in'S Gcdächtniß zu rufe», daß nur wenn Juda seine große herrliche Aufgabe ganz erfüllt und seinen einzigen Gottesschatz rein hält von allen fremdartigen Zusätzen, eS zum Frieden «nd zur Wohlfahrt gelangen könne; hatte drei! i.nbcrt lange, trübe Jahre Zeit gehabt sich zu rüsten, seine Kraft zu stählen und noch dämmerte ihm die Freiheit erst, noch war erst nur noch Aussicht vorhanden, daß die bisjetzt ihn drückende fremde Bruderhand sich nun ihm freundlich zum brüderlichen Händedrucke darbicten werde — als Juda's Söbne sich schon anschicktcn, indem sie die „orientalische Ghettobildung" durchdringen lassen wollten von europäischer Cultur, von abendländischem Geiste, um dieser Cultur und Bildung willen den jüdischen Schatz des Gotteswortes hinzngeben. Von den jüdischen Schulen sah man sie zu den Hochschulen .ilcn. Durstig schlürften sie hier aus den nie gekosteten Quellen ocr Acsthctik und Philosophie. Unerfahren hielten sie die blanke Außenseite für beit Kern. Noch nicht kräftig genug den Kampf des spckulirendcn Gedankens mit der historischen Wahrheit auözukämpfen, blieb der Kampf unentschieden und den Zweifel im Busen rief sie das Leben zum Wirken und Schaffen. Nicht zu der Ocker, Oder und dcS Mains Ufer will ich Sie geleite», nicht inS Ncrothal und nicht zur Lahn Sic führen, Ihnen die Früchte dieses nnauSgckämpftcn Kampfes zwischen geschichtlicher Offenbarung und grübelnder Philosophie zu zeigen, — durchwandern Sie alle Gauen Deutschlands — überall, in so vielen jüdischen großen und kleinen Gemeindekreisen finden Sic in dem Wirken dieser, den Zweifel in der Brust tragenden Männer, welche an der Spitze dieser Kreise stehen, die traurigen Spuren dieses Kampfes.

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