Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1854-1855)
- Issue
- Heft 11 (August 1855)
- Article
- Federzeichnungen
- Date
- 1855-08-01
- Page
- 605 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Federzeichnungen. 605 und immer auf's Neue gefüllt — die bleichen Wangen färben sich - und endlich, mit dem letzten Kreuzer verrinnt der letzte Tropfen, daS letzte Fünkchen Bewußtsein mit sich führend. — Schaudernd wende ich mich ab. — WaS ist'S, das hier den Menschen so herabj sinken läßt? Armutb, Elend. — Armuth, Elend sind die Pforten,! die zum Zuchthause, zum Schasfot führen; Armuth, Elend der | Krebsschaden, den die ganze Weisheit unseres erleuchteten Jahrzehnj teS nicht zu heilen vermag; Armuth, Elend die Gespenster, vor dej ucn der Millionär zusammenschaudcrt, die die Könige auf dem I Throne erbeben mache» und die sic selbst auS ihrer Restdenz nicht i zu bannen vermögen. — Unermüdlich arbeitet der Mann den ganzen i Tag; — eine sichere Existenz seiner Familie zu gründen, vermag er nicht, mit der rastlosesten Arbeit selbst nicht; kaum daS Brod zu gewähren vermag sie. — Und vergessen will er die Sorge, vergessen daS Elend; — da winkt ihm die Flasche-er ist verloren, sein Weib und Kind mit ibm.-Diese Gedanken beschäftigen mich, als ich gerade bei dem kleinen Häuschen wieder ankomme. Die drei Leute sitzen noch beisammen; der Alte ist eingeschlummert; die beiden junge» Ehegatten rechnen ihren kleinen Verdienst; sic holen ihre Bündelchen hervor und messen und ordnen und packen wieder zusammen, wecken dann den Alten, loschen daS Licht aus, legen sich zur Ruhe. — Auch hier wohnt die Armuth, die Sorge; — aber Elend suche ich vergebens? Arbeit, saure Arbeit haben die beiden Lcu'e; ״Hausiren gehen", ״Schachern" den ganzen Tag, ^Mann und Weib. Und wer kennt nicht das mühevolle Geschäft eines HaustrerS in der Vorstadt? Wahrlich,, sein Weg ist nicht mit Rosen bestreut. Hohn und Schimpf und Erniedrigung sind noch heute, in der aufgeklärten Residenz selbst, sein Loos. Und doch wie glücklich ist diese ״Hausirerfamilie"; rein ׳und heilig und erhaben steht sie da inmitten all des Elends und der Entartung. Hier Hort das Ohr kein Wort deS Zwistes, hier schaut daö Auge keine unwürdige Handlung. — Liebe verbindet den Mann mit dem Weibe, Liebe den Vater mit dem Sohne. In all der Entbehrung verzweifelt der Mann nicht; Armuth, Schimpf und Hohn können ihn nicht erniedrigen. WaS halt diesen Mann aufrecht? WaS macht diese Familie des armen Hausirerö glücklich? WaS hält sie rein von dem ganzen Schmutze, der sie umgibt? — Was? — Daß der Großvater noch