Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1854-1855)
- Issue
- Heft 6 (März 1855)
- Article
- Jüdische Skizzen aus Berlin
- Date
- 1855-03-01
- Page
- 340 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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340 Jüdische Skizzen aus Berlin. m der Schwelle immer wieder um, hatte immer noch etwas mir zu sagen vergessen und ich begriff endlich, warum mein alter seliger Lebrer ein gewisse- Dorstandsglied seiner Nemeinde, das ihn bäufig besuchte und beimsuchte, immer mit dem Seufzer empfing: ״ach, da kommt das Fieber!" Aber mein Fieber war interessant, war untcrbaltend, ich war selig im Fieber, es entrückte mich der Wirklichkeit und Sic glauben cs nicht, Sie, der Sie nie in Berlin gewesen, wie man selbst in Berlin, diesem Athen an der Spree, dieser Stadt der Intelligenz nnd der Gottseligkeit, wo doch der große ebcrne Friedrich uutcv den Linden und der kleine — im Ratbe der Svnagoge die Weisbeit und die Politik und den heroischsten Mutb noch immer leibhaft repräsentirt, — wo der Umgang mit.den Musen das Lebert so fcbr bis in seine prosaischsten Ausläufer durchdruugen, daß Sie der poetischen Lieenz selbst in den Annoncen des wcltbeglückenden — Bazars begegnen und man die prosaische Wahrheit nicht einmal einem armen, nüchternen Skizzcnschreiber oerzeibt, — wo Alles Kunst und Poesie geworden, Milch Poesie, Wein Poesie, Schrippen Poesie, Religion Poesie, Predigt Poesie, Andacht Poesie, jüdische Theologie Poesie, Gemcinsinn Poesie, Borstandswablen Poesie, Vorftandswirkcn Poesie, Judentbum Poesie, und wo man auf den, als auf einen ungebildeten Booter hinabblickt, der in allem Diesen nach dem Kern, nach der Wirklichkcit, nach der poesielosen, greifbaren Wabrbeit verlangt — ich sage, Sie glauben es sicherlich nicht, daß man trotzdem in diesem Berlin voller Poesie und Kunst sich doch einmal berzlich langweilen und selig froh werden kann wenn Einen einmal, gleichviel ein Ebampagner- oder Fieberrausch aus dem Bereiche dieser poetischen Wirklichkeit in die Welt der wirklichen Poesie versetzt. Eins nur tbat mir in den Intervallen meiner Fiebersctigkeit unendlich web — ich war zu Ihrem Skizzenscbreibcr verdorben. Ich sab in meinen Ficbergesichtcn dieses Berlin, für das ich schrieb, so vollendet, so heilig, so rein, — die Wcibnachtsbäumc waren geschwunden, aber die alte, gortinnige Weibe war wieder eingezogen in die heiligen Räume des Familicnlebens, - der Goldschnitt der Gebetbücher war vom täglichen Gebrauch abgenutzt, aber die Tbränen der zu Gott betenden Mütter und Frauen batten die Blätter geadelt, — für die jüdische Saison war — die Saifon vorüber, das ganze jüdische Iabr war dafür Eine scligl,eitere, Gott geweibte Saison geworden mitten in der lustigtrüben Winterlichkeit des Jahrhunderts, — Neujahr und Jomkippur saben sich nicht mehr'wie das ״Mädchen aus der Fremde" verwundert um in dem Lbnen fremden Kreise, von 52 ibnen verwandten Sabbatben wurden sie getragen — ja, selbst der Montag und der Donnerstag war ibnen befreundet und der Mittwoch nnd der Freitag und der Sonntag und Dienstag obendrein, und die Supplemcntärsvnagogen waren permanent, und die Supplementärvorsteber permancnt — und alle Vorsteher standen, ja gingen in allem Heiligen und Guten, in allem Jüdischen und Wahren voran, und alle Vereine waren