Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1854-1855)
- Issue
- Heft 5 (Februar 1855)
- Article
- Aus der Mappe eines wandernden Juden
- Date
- 1855-02-01
- Page
- 273 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus der Mappe eines wandernden Juden. 373 •yp' :(;]!! und die Freudigkeit in ihrem kleinen Kreise das Möglichste zu thun und läßt sie übersehen, daß die Zeit ein Schatten ist, dessen Macht vor dem wachen Auge schwindet, daß die Zeit nicht die Menschen, sondern der Wille der Menschen die Zeit beherrscht und gestaltet, daß alle Gesammtheit nur aus einzelnen, kleinen Kreisen, und die Kreise nur aus Individuen bestehen, und wir Alle nur den Muth zu haben brauchten, Jeder sich und seinen Kreis zu retten, und das Heil der Gesammtheit wäre geborgen. Darum allerdings meinte ich, meine Herren, mit Seufzen werde nichts geändert, wohl aber mit That; und der That, der That für's Judenthum, harret noch überall unsere Zeit. Was glauben Sie denn, fiel hier der Aeltere ein, der bis jetzt seinen Blick nicht von der Erde erhoben hatte, waS glauben Sie denn, daß geschehen könne, geschehen müsse, oder um die Frage eben auf einen besonder« Kreis zu beschränken, was wäre z. B. in unserer Gemeinde zu thun, das bisher nicht geschehen? Ich weiß nickt, ob Sie unsere Gemeinde kennen; aber wenn Sie sie kenne», wäre cs mir höchst erwünscht, hierüber einmal das Urtbeil eines Fremden 311 hören. Denn allerdings wäre es möglich, daß gerade der Einheimische zu sehr selbst von den Verhältnissen und oft von ganz untergeordneten Seiten derselben zu nahe berübrt, abgestvßen und angezogen wird, und ihm so der richtige Blick oft für das entgehet, was sieb dem unbefangenen Auge deS Fremden bei der ersten lUbersckau darstellt. Die Zustände Ihrer Gemeinde, erwiederte ich, dürften mir wohl nicht ganz unbekannt sein. Ich habe im vorigen Winter, wäbrend der strengsten Zeit, einige Wochen dort verlebt. Ich habe die große Masse Ihrer jüdischen Bevölkerung beobacktct, diese große Zahl jübischer Armen, von welcher der ungewohnte Blick des Fremden zuciff betroffen wird. Welch' trefflich gesunder, sittlicher Kern birgt sich unter diesen ärmlichen Hüllen! Und welche Triumphe feiert eben da das Judenthum in seiner veredelnden Macht über diese Gemüther! Wie erscheint da das Judenthum als gottgesandter menschheiterlösender Genius, wenn man diese Klaffe mit ihren nichtjüdischen Geschtcks- und Berufsgenossen in andern großen Städten vergleicht, wo sie wie ein drohendes Gespenst an den Pforten der socialen Zukunft steht! Und hier, diese Väter und Mütter, diese Frauen, welche das Frühroth schon fast mit halbzurückgelegtem Tagewerk begrüßt, und 17