Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1854-12-01 · Heft 3 (Dezember 1854) · p. 140

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1 (1854-1855)
Issue
Heft 3 (Dezember 1854)
Article
Aus der Mappe eines wandernden Juden
Date
1854-12-01
Page
140 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2932754-2932807-2932811-2938138--00225-2938188
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

140 Aus der Mappe eines wandernden Juden. schlecht keine Menschen findet, die bereit wären, das Menschlichste dem Menscken in reinster Menschenliebe persönlich selbst zu leisten. Und das Familienleben, das Verbältnisr der Kinder zu den Eltern, die Bescheidenheit und Sittsamkeit und Mäßigkeit der Zugend, die — Sie wünschen also im Ernst, unterbrach ein junger Mann, seine Glacehandschuhe zurecktzichend, Sie wünschen also im Ernst die alte» Zeiten wieder zurück, und bedauern cs am Ende gar, daß die Juden nicht mehr in den Ghettis wohnen und den gelbe» Fleck zum Abzeichen tragen? — Das nicht, erwicderte ick ernst, das nickt, junger Mann, ick verkenne nicht die Vorzüge unserer Zeit, ich freue mich aufrichtig unsere Jugend in Frack und Handschuhen und der ganzen Tournürc der Bildung zu sehen, freue mick nock mehr des Sieges der Humanität und des Rechtes und der Wahrheit in der Brust der Menschen, die die Ghetti-Mauern nmgcstoßcn und Jude und Nicktjude einander ׳menschlich »aber gebracht, freue mich der nunmehr dem Juden geöffneten Bahnen, in welchen er sein Talent und seinen Ebarakter und die ganze edle Fülle seiner religiösen Lcbcnsanschauungcn dewähren könnte, freue mich, das! wir nun Inden sein könnten, ohne für dieses unser Zudcntbum Friede und Ehre, Gluck und -eben opfern zu müssen — kann mich aber mit allem Dem nur dann freuen, wenn wir in dieser leichteren, freieren Lebenslust auch Juden sein wollten, wenn wir in diese Neuzeit die herrlichen Herz- und Seclenschäye der alten Zeit mit hinübergcbracht, und den äußern Glanz und die oft nur schönere Oberfläche nicht, zu thcuer bezahlt hätten mit. allem Dem, was in Wahrheit die Gediegenheit und den ächten Kern des Lebens bedingt. Doch es war inzwischen dunkel geworden und die Sterne der Nacht waren hervorgctretcn. Wir gingen in die Kajüte hinunter und beteten zu Ihm, der Tag und Nacht, Lickt und Dunkel wechseln läßt auf Erden, aber auch im Wechsel der Zeiten der ewig Eine Hort bleibt, dem jede Zeit und jedes Geschlecht in vertrauender Liebe sich freudig zu weihe» hat.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.