Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1854-1855)
- Issue
- Heft 2 (November 1854)
- Article
- Aus Hamburg
- Date
- 1854-11-01
- Page
- Seite 96 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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06 Jüdisches Gerncindewesin. Corrcspondcnzen. Terrain wird ihr fortwährend streitig ge:nacht von einer anderen Parthn, die von den Bestrebungen der Zeit so verletzt und erschreckt worden, daß sie allen ihren Forderungen, auch da wo sie mit Recht fordert, entgcgeutritt, alle ihre Leistungen, auch waS sie Gutes und Schönes zu Tage fördert, mit mißtrauischen Augen betrachtet, kurz von einer Parthei, die auch dann den „Fortschritt" nicht will, wenn er „im Bunde mit der Religion" erscheint. Diese Parthei wird immer geringer und schwächer, weil ihre alten tüchtigen Stimmführer auösterben, und sie sich nur spärlich und schwach rekrutiren kann. Dazwischen liegt der große Hausen, der gar nichts denkt und gar nichts will, als — möglichst viel erwerben und mit dem Erworbenen möglichst viel genießen, die treuen Anhänger, die rüstigen Kämpfer im Dienste des Materialismus. Kaum mit frnt nothdürftigsten Elementar ^iä'nnluisserl unserer Religion versehen, wenden sie sich je nach Erziehung oder Neigung, nach Berhältnissen oder persönlicher Hingebung der einen oder der anderen Seite zu; oft nur von einer Phrase, von einer banalen Modeidee bestinnnt. Für das Gerne indelebeu zählen diese Leute größteutheils nur durch das, was sie zahlen und durch die Richtung, die sie ihren Kindern geben. Das gäbe allerdings kein tröstliches Bild, und wir würden verzweifeln müssen, wenn wir nicht gleichzeitig fast überall auf Erscheinungen stießen, die unseren gesunkenen Muth wieder aufrichten. Da finden wir denn hier und dort noch immer eine Anzahl iDtäuucv, die zu keiner der bezeichneten Klasierr gehören, Männer die mit der treuen Anhänglichkeit an das unschätzbare Erbe unserer Bäter, ihren Sinn offen gehalten hahen für die wirklichen Erfordernisse unserer Zeit, die, wahrend sie jene Treue in ihrem Leben bethätigen, sich auch bemühen nach Kräften das Wesen unserer Religion uud ihre Forderungen kennen zu lernen, ohne das Wissen zu verschmähen, von woher es ihucü immer Kenntnis? von Gott und seiner Natur, von den Menschen und ihren Verhältnissen zuführen mag. Solche Männer mögen nur dünn gefäet sein, (sic waren es vielleicht zu allen Zeiten), ihr Wirken mag sich nur unscheinbar manifestiren, sie stehen auf einem so festen sittlichen Boden, sie gehen einen so geraden sicheren Weg, sie setzen der schalen Oberflächlichkeit einen so gediegenen Ernst entgegen, sie bekunden in Mitten der allgemeinen Blasirtheit unserer Zeit eine so wohlthuende Freudigkeit des Lebens, daß ihr Beispiel von nachhaltigem Segen, ihr Wirken von unberechenbarer Gewalt sein muß.