Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1854-1855)
- Issue
- Heft 1 (Oktober 1854)
- Article
- Jüdische Skizzen aus Berlin
- Date
- 1854-10-01
- Page
- Seite 49 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2932754-2932807-2932809-2937906--00073-2937975- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Au- Berlin. 49 sie sich jetzt einfach durch Synagogcnvorsteher und Ordnungskommissionen an, die, gleich Schillers Mädchen aus der Fremde, plötzlich erscheinen, Kuben austheilen und spurlos bis znm nächsten Jahr um diese Zeit „zu Guten!" verschwinden. Die gottesdienstliche Verfassung ist zeitgemäß zu revidiren und nach den neuesten Fortschritten sestznsttzen, wann und was gebetet und geschwiegen, gesagt und gesungen, gestanden und gesessen werden soll n. s. w., u. s. w., chorsähige Individuen sind zu suchen, zu engagiren und resp. zu pressen, die Unterhandlungen wegen der Predigten in der zweiten Synagoge einzuleiten und mit diplomatischem Geschick zu Ende zu führen, ein beschwerlich und gefährlich Ding, das leider nie gelingt,— und was die tausend Geschäfte mehr sind, um derentwillen die keuchenden Boten das Andenken der Gemeindescelenversorger segnen. Aber auch im Allgemeinen sind die Vorbereitungen zu den „Feiertagen" sichtbar. Bon Tag zu Tage gewinnt das Spandauerviertel, zu tcnt bereits der Thiergarten in Beziehungen tritt, höhere Bedeutung, die Antiquare legen einstweilen die jüdische Wissenschaft unter, die „Gebetbücher" auf den Ladentisch, denkgläubige Familienmütter und Bätcr urtheilen immer milrer über das „veraltete Jndenthum" je näher der erste Tischri rückt und bereits treiben ein.elne mit hebräischem und Religionsunterricht in „guten Häusern" betraute Studiosen der Medizin aus beängstigende Weise tzickur-Studien. Fürchten Sie nichts, und hoffen Tie nichts . . . es ist eben die jüdische 8ai8on. — Was außerdem Wichtiges und Großes jür das Judcntburn in Berlin geschieht? — erlauben Sie mir, darüber zu schweigen. Ich würde Ihnen als Antwort doch nur eine große, große "Rull hinmalen können, so groß etwa, wie die Bitterkeit im Herzen der wenigen Männer, die auch hier unsre Nation auszuweisen hat, und denen die Hände gebunden sind — so groß wie die Oede und Trostlosigkeit in denjenigen „Frommen," die nicht wissen, was sie thun und nicht wissen, was sie ihren Kindern sagen sollen, oder wie die Verächtlichkeit des großen, blöden und unwissenden Haufens, der weder zu handeln — außer in kommerzieller Bedeutung — noch zu leiden versteht, oder endlich wie der Materialismus und die Selbstsucht, denen auch die Jugend, die ftudirende Jugend selbst allmälig erliegt. Ich werde darauf zurückkonuuen öfter. Sie sollen alle Klassen der hiesigen jüdischen Bevölkerung näher kennen lernen, zuerst natürlich 4