Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 52 (29.12.1887)
- Article
- Bilder aus der Gegenwart
- Date
- 1887-12-29
- Page
- 824 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2932754-2932755-2932806-2937807--26849-2937862- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
824 Der Graf entfärbte sich. ״Um dcö Himmelswitten, Fräulein! wie können Sie so zu mir reden!" ״Gcfällt'S Ihnen nicht?" spöttelte sie, indem sie die Spitze des Dolches in den So mcnslrahleu funkeln ließ, ״das thut mir herzlich leid, denn anders vcrmöchte ich nimmer zu Ihnen zu reden." ״Um Gottcswillen, Fräulein! — ich bin sprachlos vor Staunen — was ist Ihnen da mit einem Mal eingefallen?" ..DaS will ich Ihnen sagen," erwiderte sie, ihn noch immer mit ihren zornfunkelnden Augen sixircnd. ״Ein Unverschämter hat cs vor mehreren Wochen sich erlaubt, mir einen Blumenstrans zu übersenden nebst einer sogenannten Liebeserklärung. — Die Schrift jenes Unverschämten habe ich vorhin in Ihrer Zcichenmappe wieder gefunden." ״Aber ich bite Sie um Alles in der Welt, Fräulein! — Auf solch' vage Bcrmuthung hin können Sie mir einen derartigen Schimpf anthun! — Weil meine Schrift einige Achnlichkeit —" ״Halten Sic ein, Herr Graf," rief Erna, ,,Sie beschimpfen sich selbst weit mehr als ich es konnte. — Habe ich doch immer gehört, daß ein Kavalier es als schimpflich betrachtet, ein unwahres Wort über die Lippen zu bringen." Dunkle Glnth überzog das Angesicht des Grafen, doch zornig blickte er zu ihr hinüber. ״Können Sie mir vielleicht ei» unwahres Wort beweisen, daß ich zu Ihnen gesprochen?" Sie war srappirt über diese Frechheit. .,Sie fragen, ob ich Ihnen ein unwahres Wort beweisen könnte!" rief sie höhnisch lachend, ״schwerer wäre es nur in der That, ein wahres Wort Ihnen nachznsprcchen. Ist denn nicht Alles hier Lng und Trug? Graf S . . . ' h hat mir mit seinem Ehrenwort verbürgt, daß meine Angehörigen noch vor dem heutigen Abend Nchricht von mir haben, über mein Verschwinden beruhigt sein sollen. ״Sie sind cs bereits," unterbrach sic der Graf mit Bestimmtheit. ״Wie? Sie wollen niidj glauben macheu, Sic hätten jenen Voten zu meinem Vater geschickt." ,.Das halte ich nicht uöthig," cutgegncte cr, ״denn ich habe Ihre Angehörige persönlich über Ihr Befinden beruhigt." Sie blickte ihn einen Moment betroffen an, war eS möglich, die Frechheit so weit zu treiben? ihr ins Gesicht in diesem bcftimmtcn Ton eine offenbare Lüge auszusprcchen? — Doch cS war ja Alles Lug und Trug. Sie spielte mit dem Dolche und spottete hohnlachend. ״Ihr Ehrenwort, Herr Graf, Ihr Ehren, wort! sonst kann ich die Lüge nicht glauben. —- Die Lüge, Herr Graf, hören Sie'S? die Lüge des Grafen S .... y." ״Das geht zu weit!" schrie cr. ״Ich werde Ihnen sofort die Wahrheit meiner Worte beweisen." Mit einem Satz war er bei der Glockenschnur und riß daran, daß die Schelle laut durch das Schloß ertönte. Erna blickte mit weit cmsgerissenen Augen zu ihm hinüber, was hatte er vor? — sollte ihr Vater hier sein? — Es schien ihr undenkbar, und dennoch, einen Moment hatte sie cs geglaubt. Der Kammerdiener trat ins Zimmer. ״Führe die Bäuerin herein!" herrschte der Graf ihm zu, ״aber sofort." ״Welche Bäuerin?" fragte der Alte verwundert. ״Strohkopf! — Jenes Weib, das das Fräulein hergebracht hat." Der Diener entfernte sich, gleich darauf trat Ernas Amme in das Zimmer. . ״Der Herr Graf befehlen?" Dieser wandte sich jedoch zu Erna. ״Sie haben mich einen Lügner geheißen, weil ich versichert habe, daß ich persönlich Ihwe Angehörigen über Ihr Befinden beruhigt habe. — Graf S .. . . y erniedrigt sich zu keiner Lüge, hier steht Ihre Mutter; sie habe ich persönlich über Ihr Befinden beruhigt." ״Was soll diese schamlose Komödie?" ries Erna ärgerlich, und ohne die Anwesenden eines Blickes zu würdigen, wollte sie an ihnen vorüber dem Ausgang zu. Die Bäuerin warf sich ihr jedoch in den Weg und umklammerte ihre Knie. ״Erna!" schrie sie, indem ein Strom von Thräncn ihren Augen entstürzte, ״es ist keine Komödie! so wahr Gott lebt, cS ist wahr! es ist wahr! ich bin Deine Mutter! Du bist mein Kind!" Sie wollte das junge Mädchen limarmen, Erna riß sich jedoch mit Gewalt von ihr los. ״Zurück!" schrie sie, ״treuloses, elendes Weib, hoffst Du mich abermals durch Deine Lügen zu umgarnen?" Sie strebte abermals dem Ausgange zu, doch die Bäuerin warf sich abermals ihr zu Füßen. ״Mein Kind!" schluchzte sie, ״mein Kind! — Gnade! Gnade! — Es ist ja wahr, daß ich Dich belogen habe, aber ich konnte mir nicht anders helfen — Du wärst mir sonst nicht gefolgt." . ״Laß mich!" schrie Erna, ״laß mich loS:" ״Nein, ich lasse Dich nicht! Du bist mein, mein Kind!" . ״Wahnwitziges Weib! laß inich loS! laß mich los!" (Fortsetzung folgt.)