Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 52 (29.12.1887)
- Article
- Bilder aus der Gegenwart
- Date
- 1887-12-29
- Page
- 823 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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823 zeichnen kann, sonst würde ich mir von hier aus einige Skizzen mituchmcn." ..Ich bin zwar anch kein großer Künstler," entgcgnele der Graf, ״dennoch habe ich mich verleiten lassen, von hier aus einige Punkte auf;׳.׳.nehmen; cs freut mich ganz besonders, daß Ihr Geschmack hier mit dem meimgcn zusammcntrifsl. Wenn cs Sic ivterrssirl, zeige ich Ihnen meine Skizzen." Erna ersuchte selbstverständlich darum. Er holte eine ziemlich nmsangreichc Zeichenmappc herbei, denn wenn cr, wie er selbst bemerkt hatte, auch kein großer Künstler war. so hatte er doch ein nicht unbedeutendes Talent zum Zeichnen, seine Skizzen zeichneten sich sämmtkich durch klare 'Auffassung ans, und cS freute ihn, daß Erna sämmUiche ihr bekannten Punkte ans seinen Zeichnungen sofort wieder erkannte. Sie blätterte darin und plauderte munter über die einzelnen Skizzen. Plötzlich hielt sie inuc und blickte wie erstarrt auf einige Zeilen, die auf den Umschlag, der die Blätter zusamiiunhirll, geschrieben waren. ״Was betrachten Sic da so eifrig?" fragte der Graf. , W.r Hai das geschrieben?" flüsterte sie, ״wer?" ״Der )käme des Schreibers steht darunter," entgegnete er lächelnd, ״Bojar Graf S . . . . y, das ist mein Name." Sic erwiderte nichts, eine unnennbare Angst hatte sie erfaßt, sie glaubte mit Bestimmtheit in jenen großen, kühn verschlungenen Brichstabcri dieselbe Schrift zu crkennen, die sie auf jenem Zettel, den sie in dem mehrfach erwähnten Vlumenstraus gefunden hatte, gesehen. Wenn sic sich nicht täuschte, daun — dann — dann war der Graf der Spießgeselle ihrer treulosen Amme — ober er war vielmehr der Urheber des gegen sie vollführten Komplotts. Und sie täuschte sich nicht? — sic war sicher, das; sic sielt nicht täuschte. Und sie war in seiner Gewalt! Großer Gott! Sie hatte beide Hände fest auf die heftig wogende Brust gepreßt und hörte nicht, was der Graf zu ihr sprach. Er war entsetzt über ihr plötzlich verändertes Aussehen, über ihr starres, geisterbleiches Angesicht. ״Was ist Ihnen. Fräulein? — um des Himmelswillen, was haben Sie?" Und als sie noch immer nicht zu hören schien, da wiederholte cr seine Frage abermals und um ihre Aufmerksamkeit zn erregen, berührte cr leise ihre Hand. Sie fuhr zurück, als hätte ein giftiges ׳Reptil sie berührt, und zu ihrer vollen Höhe anfgerichtet, blickte sic mit wuthcutbranuten Blicken hinüber zu dem Kavalier, der voll Entsetzen und doch mit wachsender Leidenschaft sie betrachtete. Wie war sie schön, so wunderbar schön! — Noch war ihr Antlitz vollständig farblos, aber ihre großen blauen Augen sprühten Blitze. ״Fränkin! ich beschwöre Sie! — bei Allem was heilig ist!" Um ihre fcstgeschlossenen Lippen zuckte cs wie in verhaltenem Hohn, doch sic erwiderte abermals nichts. Mehre Minuten stand sic so in sich versunken, ohne der ängstlich flehenden Worte des Grafen zn achten. Plötzlich athmctc sie Lief auf, der starre Ausdruck ihrer Züge schwand, langsam wandte sic sich um und schritt auf das anstoßende Zimmer zu, das die Wasfcnsauunluug enthielt. Der Graf folgte ihr schweigend, doch mit wachsendem Staunen. Er halte ihr vorhin einen schön zisclirten, scharf geschlissenen Dolch gezeigt, sie hatte sich genau den Ort gemerkt, von wo cr ihn genommen — richtig, dort auf dem Gesims über dem Kamin — sie sah schon von weitem die Scheide blinken, raschen Schrittes eilte sie jetzt dorthin, und bevor cr noch ahnte, was sie plante, hatte sie mit der Linken die Scheide ergriffen und mit der Rechten das Mordwcrkzeug hcrausgerissen. ״Um dcS HimmclSwilleu! seien Sic vorsichtig! die Dolchspitze ist vergiftet, die geringste Verletzung kann lödtlich werden!" Er eilte aus sie zu, schien den Dolch ihr entreißen zu wollen. Sie aber wandte sich rasch zu ihn!, ihr Antlitz war wieder rosig, ein spöttisches Lächeln umspielte ihre Lippen. .,Seien Sie vorsichtig, Herr Graf!" ries sie, indem sie wie spielend den nackten Dolch in der Lust schwenkte und hin und wieder wie zielend die Spitze gegen ihn richtete. ..Jetzt bin ich fatt schwaches, ncu'vcS Mädchen mehr, das sich leicht übertölpeln läßt, jetzt bin ich eine Macht!" ״Die sind Sie immer," cutgegucte er mit glühenden Blicken, die herrliche Mädchcngcsialt betrachtend, ״mit dem magischen Glanze Ihrer Angen bannen Sie die Mächtigsten zu Ihren Füßen." Sie lachte hell. ״Dem Dolche vertraue ich doch noch mehr, als dem magischen Glanze meiner Augen." ״Sie haben die Macht Ihrer Augen vielleicht noch nicht erprobt. Doch halten Sie das wie Sie wollen, nur, ich bitte dringend darum, mein F äulciu, legen Sie das gcsührlrche Spielzeug ans den Händen." Sie schüttelte den Kops. ״So lange ich hier internirt bin, nicht." Er blickte sie betroffen an. ״Um des Himmelswillen, Fräulein, Sie mißtrauen mir doch nicht?" Sie blickte ihm voll und fest ins Angesicht, es lag eine Art Herausforderung in ihrem Blicke. ״Meinen Sie wirlich, ich sollte dem Komplizen jenes elenden WeibeS Vertrauen schenken?"