Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 52 (29.12.1887)
- Article
- Die gesetzestreue Minorität in den bayerischen Kultusgemeinden
- Date
- 1887-12-29
- Page
- 822 (sequence 3)
- Language
- German
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Gemeinde anvcr trauen, noch von den sonstigen KultusnnftaUeii derselben Gebrauch zu machen. Unb doch ist bie Kuktusgemcinde, wie es die bayersche Negierung ausdrücklich anerkennt, nichts anderes als eine Vcrcinigung von israelitischen Glaubensgenossen zur Herstellung und Unterhaltung der durch das jüdische Ncligiousgesctz gebotenen religiösen Institutionen! llnb doch garautirt auch die bayersche Gesetzgebung den bayerschen Staatsangehörigen die volle Glaubens- und Religionsfreiheit! Wir sind fest überzeugt, daß es nur der offenen Darlegung dieser thatsächlichen Verhältnisse bedarf, um von der königl. bayerschen Regierung für einen Kreis orthodoxer Juden, in welchem zehn mannliehe über dreizehn Jahre alle Personen vorhanden sind, die Genehmigung zum Austritt ans der zur Reform übergegangencn Kultusgcmeinde und zur Bitdüng einer besonder» orthodoxen Kultnsgemcinde zu erlangen. iiikr litis der GegrrtiNrt. Von Friedrich Rott. (')iuchrruc! vcrl0׳lc:׳..) (Fortsetzung.) Erna zuckte die Achseln. ״Das mag sein. Juden sind Menschen, und es giebt bekanntlich viele Menschen, die sich um die Gesetze Gottes nicht kümmern. So wie es Räuber, Diebe und Mörder giebt, so gicbt cs auch Inden, die sich um die speziell jüdischen Gesetze nicht kümmern." Der Graf lachte. ״Alsost.die Israeliten, die sich um die Speisegcsetzc nicht kümmern, die stellen Sie auf eine Stiise mit Dieben und Räubern'?" ״Ich persönlich möchte es wohl, obgleich ich sehr wohl weiß, daß man cs gewöhnlich nichl thut." ״Möchte wohl wissen, was unsere israelitischen Herren Abgeordneten zu Ihrer Theorie sagen würden," entgegnete der Graf noch inuner lachend. ״Aber ich bitte Sie instündigst, Fräulein." fuhr er ernster fort, ״mir dieses eine Mal machen Sie eine Ausnahme, ich bin ja nicht im Stande, Ihnen nach jüdischer Vorschrift bereitete Speisen vorzusctzen, Ihnen aber würde ein längeres Fasten entschieden schaden. Aber was Ihnen ein paar Lössel Bouillon schaden könnten? — oder ein Täubchen? — Kennen Sic nicht den Ausspruch unseres Gesetzgebers, nicht daraus kommt eS an, was in den Mund kommt, sondern darauf kommt cs an, was auö den! Mund komme. Das ist ein wciscS und ein wahres Wort." Erna schüttelte dm Kopf. ״DaS könnte ich nicht zngebcn. Es ist das Wort eines Menschen, der vor mehr als achtzchnhundert Jahren gelebt hat, dem cS vermut!)'ich noch nicht bekannt war, daß die Nahrung ans Geist und Gcmülh des Menschen ciuwirken kann. Unser Gesetz ist freilich ungleich älter als achtzehnhundert Jahre, aber unser Gesetzgeber kannte die menschlichc Natur, die Er selbst geschaffen hat, genauer, darum hat Er unS mancherlei Genüsse untersagt, die die Reinheit unserer Seele gefährden könnten." ״Fräulein," rief der Gras betroffen, ״kommt daS aus Ihrem Kopfe?" ״Nein," erwiderte sie, ״das habe ich von meinem Vater gehört, aber cs leuchtet mir sehr ein." ״Aber mir leuchtet cs gar nicht ein, daß Sie fasten sollen, während ich esse." ״O, ich brauche auch nicht zu fasten. Da sind Konfitüren und Obst, wenn Sic erlauben, werde ich mich daran halten." Fünfzehntes Kapitel. Es war dem Grafen im höchsten Grade un׳ angenehm, daß er sie nicht bewegen konnte, an seiner Mahlzeit .Thcil zu nehmen, wie sollte das in der Zufunft werden? von Früchten und Konfekt allein konnte sie nicht leben, und er hatte durchaus nicht die Absicht, sie so bald wieder frei zu geben. — Für einige Tage mochte cs ihr vielleicht nicht schaden, tmd mit der Zeit hoffte er sie schon zu Einsicht zu bringen und überdieß — Gewiß, gewiß, er mußte sich nur gedulden. Unter heiteren Gesprächen ging das Mahl zu Ende. Bald daraus forderte der Graf das junge Mädchen auf, mit ihm das Schloß in Augenschein zu nehmen, daS manche Sehenswürdigkeit enthielt. Auf seine Versicherung, daß langsames Gehen sein Fußleidcn nicht verschlimmern könne, war Erna einverstanden, und durchschritt an seiner Seite die wirklich schönen Räume und entzückte ihn bnvd) ihre lebhafte Bewunderung all des Interessanten, das er ihr zeigte. Namentlich in den Sälen, die die Wasfensammlnng und die nicht nnbedenlende Bücheisammlung bargen, verweilten sie lange. Das Bibliothekzimmer hatte überdies eine wunderbar schöne Fernsicht. Ucbcr den Park hinweg, der an dieser Seite nicht durch den Forst umschlossen war. blickte man weit hin auf Wiesen und Fcldcr, die hin und wieder durch einzelne Gehöfte und kleine Dörfer unterbrochen waren, während am Horizont in sausten Wellenlinien das rebenbewachsene Gebirge sich hob. ״Wie schönt wie wunderschön!" rief Erna einmal über das andere, ״wie Schade, daß ich nicht besser