Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1887)
- Article
- Plaudereien aus der Schule
- Date
- 1887-12-15
- Page
- 793 (sequence 1)
- Language
- German
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M 5®. 793 Jeschurun, pißukrcirn ans kr Schale. Bon BtzirkSrobbincr I >1׳. Ehr in a n u in B.idcn (Schwei;). VH. (Schluß.) Ist aber dem Lehrer schon von der BildungSaustalt, die er besuchte, dieses Phrascngeklingc! als der cigentlichc Kern und Inhalt des Jndcnthums gelehrt worden,;engt fern ganzes eigenes Leben dafür, daß seine Religion sich auf die vier Ellen seines Katechismus und die zweimal 60 Minuten per Woche beschränkt, in welchen er sie zu lehren hat, mit welchem Geist, mit welcher Liebe und Freudigkeit, mit welchem inneren Drang!nag ein solcher Lehrer an dieses Geschäft gehen! Der frische, lebendige, auf das wirkliche Leben gerichtete Geist des wahrhaft guten Lehrers kann auch dem widersiunigstcn Lehrstoff und der verrottesten Lehrmethode ein gewisses Leben cinhauchen und so ihre Schäden mildern, aber was kann aus den Geistesfiirchen eines Lehrers erblühen, in welche nichts als diese philosophischtheologische Spreu gestreut worden ist? Eine treffende Bemerkung Herders, welche dieses wahrh.-itswidrige Gebühren mit folgenden Worten geißelt, mag dieses unerquickliche Kapitel schließen: ״Die Lehrer thun alle, als ob, was sie ihm (dem Kinde) sagen, nicht wahr wäre; ihnen ist's auch meistens nicht wahr, denn sic haben's ebenso gelernt, und in ihrem Leben nichts davon gespürt und cm- Pfunden. So sind Eltern und Lehrer, Kanzeln und Katheder. Das Kind und der Knabe hört überall Geschwätz, Luge, wo wenig fehlt, daß man nicht mitten in der Rede inuehalte und sage: ״Fürchte Dich nicht, liebes Kind, ich muß Dir das nur sagen. Glaube nichts davon, denn ich glaube selbst nichts, wie Du siehst." Die große Stimme des Beispiels sagt ihnen dies laut und unaufhörlich." Daß solche Lehrer, mit solcher Religion, die sie nach solcher Methode den Kleinen cinbläncn, keine Neligiosität erzeugen können, braucht nach alledem nicht weiter bewiesen zu werden. Wer keine Scheuklappen am Kopfe trägt, die das Auge nach einer Richtung hin zwingen und cs für alles Andere blind machen, kann das ״Sinken des religiösen Sinnes" sich erklären und weiß auch die Mittel zu würdigen, die man gebautenloser Weise zur Hebung des gesunkenen religiösen Sinnes gewöhnlich anzuprcisen Pflegt. Aber diese Scheuklappen sind viel verbreiteter als man zu glauben pflegt, die Religionsbücher selber gehören sicherlich und nicht in letzter Reihe dazu. Die große Mehrzahl der Lehrerbildungsanstalten stattet die von ihnen ausgebildetcn Lehrer nicht mit dem Maß desjenigen Wissens und derjenigen Selbstständigkeit aus, welches nöthig wäre, um von sich allein die Religionsbücher auf ihren wahren Werth und Unwert!) zu prüfen. Das verbreitetste dieser Bücher, welches mir in einer vor acht Jahren erschienenen Ausgäbe vorliegt, hatte damals schon 27 Auflagen zu verzeichnen. Diese beträchtliche Anflagenzahl legt den Schluß auf die Vortresslichkeit des Buches sehr nahe, auch wenn ihn der Verfasser nicht schon selber im Vorwort zur 25. Auflage gezogen hätte. Unter hundert Lehrern werden nicht fünf die erforderlichen Kenntnisse und die daraus resnltircnde Festigkeit und den überzcugnngslreuen Muth haben, etwas für durch und durch falsch zu erkennen und zu erklären, was so allgemein als wahr und gut anerkannt ist. Die allgemeine Verbreitung des Buches besticht ihr Urtheil über dasselbe derart, daß ihnen gar nicht der Gedanke ausdämmert, wie nicht der Werth, sondern gerade der Umverth, die Verschwommenheit und Unentschiedenheit des darin gelehrten ZwitterjudcnthnmS cS der großen Masse so empsehlmSwerth erscheinen läßt. Wie sollte auch ein Buch, in welchem ein staatlich gefirmelter Landesrabbiner eine so bequeme Religion lehrt, die sich fast ausschließlich mit Gott, seinen Eigenschaften, seiner Weisheit und einigen frommen Sprüchlein besaßt, wie sollte ein solches Buch. mit dessen Inhalt das praktische, tägliche Leben so gut wie gar nichts zu thun hat, das also seine Lehrer und Schüler niemals der Gefahr einer ernstlichen Kollision oder auch nur eines Anstoßes aussctzt, wie sollte dies nicht gesucht, begehrt nnd verbreitet sein? Sind es denn im großen Durchschnitt die guten, gediegenen, an das Edle und Wahre im Mcnschcn appellircndc Bücher, oder finb cs die notorisch schlechten und sittenlosen, auf die Leidenschaft und Sinnlichkeit der Menschen spekulirenden Schriften, die sich der meisten Auflagen erfreuen? — Aber für die Wahrheit-Blinden ist das Alles in den Wind gesprochen; für sic cntjcheidct lediglich der äußere Erfolg. Diejenigen dagegen, die bei der Dressur, unter der sie in der Jugend selber gelitten, das selbstständige Denken nicht verlernt und den Sinn für Wahrhaftigkcit nicht eingebüßt haben, Diejenigen werden außer der pädagogischen auch die nationale, allgemeine Vcrsündigung begreifen, die dieser ganze systematische ReligionSunterricht und seine Anwälte dem Judcnthmn nnd der Judcnhcit gegenüber auf den! Gewissen haben. Dieselbe Beschämung, welche eine Mutter empfinden mag, wenn sie bei der eigenen Tochter betteln muß, ersaßt auch den schlichten Juden Angesichts der Thatsachc, daß die Lehrer seines Volles die tausendjährige bewährte jüdische Weise der Jugenderziehung verschmähen, und von einer Tochtcrreligion des JudenthumS Formen und Formeln entlehnen, um jüdische Kiudcr als Juden zu erziehen. Mit dieser Anlehnung an den Katechis-