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Jeschurun · 1887-12-15 · Heft 50 (15.12.1887) · p. 792

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 50 (15.12.1887)
Article
Bilder aus der Gegenwart
Date
1887-12-15
Page
792 (sequence 3)
Language
German
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Vaters Hause, Sie befinden sich hier in dem Zimmer i meiner seligen Mutter, das ohne Ihre ausdrückliche Erlaubniß kein Mensch betreten soll. — ׳Wäre cs Ihnen gefällig, mir die Adresse Ihres Paters;1׳ geben?" | Erna trocknete ihre Thränen, sie rang sichtlich; nach Fassung. .,Wenn ich um Schrcibreqnisiten bitten dürfte — mein Pater wird ruhiger!ein, wenn er meine Handschrift sieht." ,.Gewiß, gewiß, mein Fräulein," er schob bei diesen Worten einen Sessel;um Schreibtisch, ״hier finden Sie Alles, was Sie zum Schreiben gebrauchen. Ich eile indessen, den Boten zu insirnircn, der in kürzcstcr Zeit bereit sein wird." Der Graf verließ das Zimmer, Erna befand sich allein, denn ihre Amme halte sich schon vorhin ans einen Wink des Schloßherrn entfernt. Das junge Mädchen setzte sich an den Schreibtisch, uni den Brief an ihren Vater zu beginnen, doch so rasch und leicht sic sonst korrespondirte, heute ward cs ihr schwer, die richtigen Worte zu finden. Der Kopf war ihr eingenommen, einerseits durch ihre übergroße Erregung, andererseits wohl auch noch durch die Nachwirkung des narkotischen Mittels, das am gestrigen Tage ihre Bctänbung hervorgerufen halte. Sie begnügte sich daher, einige Zeilen au ihren Vater zu richten, in denen sie ihn dringend ersuchte, möglichst umgehend zu ihr zu eilen. Sie hatte kaum geendet, als cs leicht an ihre Zimmerrhür klopfte. Ans ihr schüchtern einladendes ״Herein" trat der Graf mit achtungsvoller Verneigung in das Zimmer. ״Komme ich zu früh?"- fragte er, ״der Bote ist bereits reisefertig." ״Ich bin auch fertig," eutgcgnetc Erna, indem sie das Blatt in ein Kouvert schob und dasselbe adressirte. ״Jstvan!" ries der Graf, indem er die Thür ein wenig öffnete. Ein Knabe von sechzehn bis siebzehn Jahren trat herein. ״Der Sohn meines Kammerdieners," sagte der Gras. ״Er ist trotz seiner Jugend ein trcsslicher Reiter und in jeder Beziehung zuverlässig, Sie können ihm unbedenklich Ihr Schreiben anverlrancn, ich bin über׳- zeugt, daß cr den ihm gewordenen Anjlrag treulich vollführcn wird." Erna übergab ihm ihren Brief, auf dem die Wohnung ihres Vaters in deutlicher Schrist de-- zeichnet war. ״Sie sind bekannt in O . ...?" fragte sic. ״Er hat mich schon öfter dorthin begleitet," autwortctc der Graf für ihn, ״ich versichere Sie, Fräulein, Sic können, unbesorgt sein." Erna Lehnte die Stirn aus die Hand und seufzte schwer. .,Sic scheinen noch ermüdet," sagte der Graf, ״wollen Sic nicht noch ein Stündchen ruhen?" Sic schüttelte den Kopf. ״Ich bin nur müde von —" ״Ich kann mir denken, waS Sic sagen!vollen," siel der Graf ihr ins Wort, ״aber ich bitte inständigst, denken Sie nicht weiter daran. Der junge Mann ist bereits unterwegs, Sie haben die Gewißheit, daß die Ihrigen in kürzester Frist beruhigt sein werden, nun machen auch Sie sich weiter kerne Sorgen. — Sehen Sie —" ״Tölpel, der ich bin!" unterbrach er plötzlich sich selbst, indem er sich mit der Hand gegen die Stirn schlug, ״langweile Sie da mit leeren Redensarten und vergesse die erste Pflicht der Gastfreundschaft! — nein! das hätte ich nimmer von mir gedacht! — Entschnldigcn Sie, mein Fräulein." Eiligst verließ er daS Zimmer. Erna wußte nicht, wessen er sich anklagte, sie überlegte es auch nicht. Hätte sie jedoch sowohl seinen Worten als auch seiner Persönlichkeit etwas mehr Ausmcrksamkcit geschenkt, sie hätte an dem angeblichen Fußleiden des Schloßherrn Zweifel hegen müssen, denn mit dieser Raschheit und Leichtigkeit bewegt man sich nicht, auch bei nur geringfügiger Verletzung des Fußes. Sie fühlte sich sehr erschöpft, im Kopfe war cS ihr dumpf »nd schwül. Während sie unwillkürlich um sich blickte, gewahrte sie am andern Ende des Zimmers die Toilette und Waschgeräthe. Jetzt erst crinnerte sie sich, daß sie am heutigen Tage ihre sicherlich dcrangirte Toilette noch nicht geordnet hatte. Sie erhob sich, schob den Riegel vor die Thür und dann badete sie Antlitz und Hände in dem Wasser, das sie dort fand. Erleichtc)t athmete sic aus, der Kopf war ihr sofort klarer. Da klopfte cS schon wieder an ihrer Thür. Sie schob den Riegel zurück und öffnete. Ein Diener trat herein mit dem Frühstücksselviee; er deckte den Tisch und Erna gewahrte zu ihrer aufrichtigen Genügthunng zwischen den Delikatessen,. die sie nicht genießen konnte, auch gesalzene 1111b gedörrte Fische, die sie als zam Genüsse erlaubt kannte. Erst jetzt sie! cs ihr ein, daß sie seit dem gestrigen Mittage, das waren seit mehr als zwanzig Stunden, nicht das Mindeste genoljcn hatte. Jetzt wußte sie auch, weshalb der Graf sich entschuldigt hatte, und ohne eine weitere Einladung znm 2sscu abzuwarten, setzte sic sich zu Tisch und nahm ein Frühstück ein mit so trefflichem Appetit, wie es ihrer Jugend und ihrem langen Fasten entsprach. (Fortsetzung folgt.)

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