Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1887)
- Article
- Die verschiedenen Arten des Antisemitismus
- Date
- 1887-12-08
- Page
- 779 (sequence 2)
- Language
- German
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77S geworden. Wenn er bei uns nicht so gewaltig auftritt, so liegt das darin, daß die Bewegung rechtzeitig angefangen hat, waS wir unö zur Ehre rechnen, sowie daran, daß daS Jndenthum bei uns doch noch nicht, wie in den Nachbarstaaten, Einfluß auf die Negierung gewonnen hat; wenn letzteres von Vertretern des NasscnantiscmitiSmuS behauptet wird, so muß cS erst bewiesen werden. (Verfall.) Ein anderer Grund, daß hier die antisemitische Bewegung nicht so kräftig aufwallt, als etwa in Wien, ist der Umstand, daß bei uns jede Bewegung sich spaltet und entzweit. Immer treten neue Leute auf und, anstatt sich den alten bewährten Kräften anzuschlicßcn und sie zu verstärken, gründet man immer zu was Neues. Wie viele Parteien habe ich schon entstehen und vergehen sehen, allein ans antisemitischem Boden! Wie viel Arbeitslust und Agitationskraft ist damit vernichtct und verschwendet worden! Trotz alledem ist aber die Bekämpfung deS JudcnthnmS nicht im Zurückweichcn, sondern im Vordringen. Wenn die Gegner mich einen lobten Mann nennen und sagen: ״Der selige Stöcker" (Heiterkeit), so kann ich daS ohne Aufregung hinnehmcn. Ich kenne die Verhältnisse, und bis jetzt haben unsere Gegner noch immer viel zu früh trinmphirt. Augenblicllich singireu sie nur den Triumph; in Wahrheit ist ihnen bange und sie zittern. (Beifall.) So lange solche Erscheinungen wie Singer und Mvsse mit seinem ״Tageblatt" von den Juden inö öffentliche Leben gestellt werden, kann von einem Ruhen und Rasten der antisemitischen Bewegung nicht die Rede sein; deren Berechtigung ist mir sogar von anständigen Juden anerkannt worden ('?), von denen mir ein angesehener, alteingesessener Jude gesagt hat: ״Wir hätten kein Ehrgefühl haben müssen, wenn wir uns gegen daS Be-- tragen der Inden nicht gewehrt hätten." (?) Wir christ-!ich patriotisch gesinnten Deutschen müßten in der That kein Ehrgefühl haben, wollten wir unS solche Dinge wie von Singer und Masse im ״Tageblatt" gefallen lassen. -Herr Singer hat jetzt ans unsere Angriffe geantwortet; er nennt alles nichtSwürdigc Verleumdung; aber über den Noscuthal'schcn Fall sagt er kein Wort. Juden als Sozialdemokraten sind die seltsamsten Erscheinungen, die eö auf Gottes Erde geben kann. (Leb- Hafter Beifall.) Die soziale Frage ist die auseinandersetznng von Kapital und Arbeit. Ans einer Seite sind die Inden Vertreter der kapitalistischen Anschauung und erregen durch die rücksichtslose und massenhafte An- Häufung von Neichthümcrn die Unzufriedenheit dcS ArbcitcrstandcS; ans der andern Seite schicken sie ihre Emissäre ins sozialdemokratische Lager zur Organisirung dcS Umsturzes. Sie sind also doppelt gefährlich. Auch so lange Rudolf Masse cxistirt wird der Antisemitismus nicht aufhöre». Ich hätte nicht gedacht, daß sich das Berliner Jndenthum wieder, in der unerhörtesten Weise in unsere ganz speziellen kirchlichen Angelegen-- heilen mischen wird. Das hat aber eben wieder das ״Berliner Tageblatt" von Rudolf Masse gcthan. Es handelte sich bei jener in den letzten Tagen viel besprochcnen Versammlung um eine evangelische innerkirchliche Angelegenheit, unl ein christliches RcbcSwerk, um die Stadimissioncn in Berlin, Stettin, Magdeburg und anderen Orten. Es handelte sich um ein Wohl- LhätigkeitSwerk, das weder einen orthodoxen, noch einen eng konfessionellen Charakter hat. Meine Herren! Wir in der Berliner Sladtmissiou, wir pflegen auch Katholifcu, weil« wir ihnen begegnen. Wenn an unser Asyl für entlassene Gefangene ein Jude klopft, so nehmen wir ihn aus. (Bravo!) Nicht nur einmal haben wir für jüdische Leute, die der Hülse bedurften, unsere Hände anSgcstrcckt. Die Berliner Stadmission ist gewiß von mir im Sinne des positiven Ehristenthums geleitet. .Was geht denn aber daS die Juden an? Wir kümmern uns doch auch nicht um ihre WohlthätigkeitSanstalten, auch nicht um ihre Streitigkeiten zwischen Orthodoxen und Reformern. Habe ich mir jemals erlaubt, einen Rath darüber zu geben? Stellen Sie sich einmal vor: die Inden lüden ihre großen Bankiers zu einer Besprechung über ihre WohlthätigkeitSanstalten ein und ein christliches Blatt wollte sich herausnehmen, den er- .schienencn Juden eine Vorlesung mit Beleidigung und Beschimpfung zu halten. Welche Entrüstung würde unter den Inden sein, und gewiß würden alle anständigen Christen diese Entrüstung theilcn. Mögen die Inden für ihre WohlthätigkeitSanstalten cmüetcn, daS macht ihnen Ehre, und wenn die Christen für ihre Glaubens- und LicbeSthütigkciten eintrcten, so macht ihnen daS auch Ehre, und kein Jude hat daS Recht, einen christ׳ lichen Mann darüber zur Rede zu stellen, sonst ... (Lebhafter Beifall.) DaS ist aber in diesen Tagen geschehen. (Pfui!) DaS ״Berliner Tageblatt" hat in Folge dieser Konferenz an Herrn v. Hanscmann eine empörende Beleidigung vollzogen und hat eine ganze Spalte mit Unwahrheiten gefüllt. Es hat eine Rede erfunden und erlogen und hat diese infame Rede, die vor Sr. Königlichen Hoheit dem Punzen Wilhelm ge׳ halten sein soll, dem Herrn v. Hansemann in den Mund gelegt. (Pfui! Pfui!) Eine Rede von mchiSwnrdiger Entstellung. In einer abseits gedruckten Schlußbemerkung steht zwar, daß die Rede nur so hätte gchalten werden können; aber Niemand kann ans diesem Judenjargon hcrauSlesen, daß sie nicht gehalten worden ist. DaS Ganze ist von einem Geist der Bosheit diktirt, der die Versammlung als eine ״orthodoxe" darzustellen sich bemüht. Eben das ist die Konferenz nicht gewesen. ES sind Herren, die weder zur konservativen, noch zur orthodoxen Richtung gehören, hi »;«gezogen worden. Wenn nun ein ehrcnhastcr Mann, wie Herr