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Jeschurun · 1887-12-08 · Heft 49 (8.12.1887) · p. 778

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 49 (8.12.1887)
Article
Plaudereien aus der Schule
Date
1887-12-08
Page
778 (sequence 2)
Language
German
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778 wie eine abgestandene Wasserlache zu einer lebendigen Sprinaquelle. Ein Lehrer, der dies nicht von selbst weiß und bcthätigt, wird eS nach der schärfsten Deduktion so wenig begreifen, wie ein Analphabet lesen kann, wenn er auch die schärfste Brille aufjetzt. Die untgetheilten Proben aus den Schriften unserer modernen Kirchenväter durften für dm Zweck dieser Plaudereien genügen, obwohl sich diese Proben nur auf die Glaubenslehre und deren Anfang beschränken. Sie sind aber überall originell. Während sonst die Gottesfurcht als der Anfang jeder Weisheit gelehrt wird, beginnt die Weisheit unserer Synagogentichter mit dem Gottesglauben. Von der Gottesfurcht dagegen heißt cs im II. Thcil der Pstichtenlchre wärt-!ich, daß sic das Ende aller Erleuchtung und Weisheit sei. Zitirt wird dazu — אלומלא בתוב אי אפשר לאומרו — der Psalinverö: ראשית חכמה יראת ה׳, was dann natürlich so übersetzt werden mußte, als ob im Original אחרית statt ראשית stände. Also ein Maggid מראשית אחרית In optima forma mit einem praktischen Beispiel, wie unsere gründlichen Kenner der Eigeusuiüslcn Gottes sich auf deren Nachahmung verstehen. Dies Alles erscheint aber dem Laien wohl nur deshalb so konfus, weil er das Wesen der Weisheit noch nicht kennt, von der hier die Rede ist. Was ist Weisheit? Doch jedenfalls — wie schon der Wortlaut sagt — ein Wissen, Erfahrung, 1uvb deren richtige, einsichtsvolle Anwendung. Nein, sagt unser Ncligionsbuch, und dcklarirt die Weisheit als eine Pflicht, und zwar als die allererste in der Pflichtenlchre, so daß von den 92 Seiten, auf welchen hier die gesammte israeluischc Religion abgehandclt wird, sechs volle Seiten dem Kapitel gewidmet sind, welches ״Von der Weisheit" handelt. Eine Pflicht der Thorhcit hätte man noch nolhdürslig aus den ersten Worten von V. B. Dt. 28, 34 wenigstens zum Scheine folgern können, aber eine מצוד! לחיות הבם dürste sich weder in den תרי״ג מצות noch in der! Bibelsprüchen Nachweisen lassen, die in den erwähnten sechs Seiten ausgezeichnet sind. Es blühen noch eine Unzahl ähnlicher Veilchen aus den Beeten dieser Glaubens- und Pstichtenlehrc, aber der Blumenflor, den diese wunderlichen Katechismusblüthcn repräscntircn, erforderte eine selbstständige Monographie. Brechen wir damit ab. Der satirische Ton, dessen man sich bei Betrachtungen dieser Art nicht erwehren kann, kontrastirt doch zu schroff mit dem himmelschreienden Jammer, auf den dies AllcS hinausläuft. Wie sich derselbe bei den Kindern geltend macht, haben die bisherigen Betrachtungen zu zeigen versucht. Verweilen wir noch einen Augenblick bei der Erwägung, welchen Einfluß diese gedankenlose Verschrobenheit nothwendig auf den Lehrer haben muß, der gehalten ist, dies Alles den Kindern bcizubringen. Der Geist in dem Lehrer erzieht die Kinder, nicht die abstrakte Lehre, nicht die Theorie. Es ist Wahnsinn, von irgend einer Lehre an sich in den Kindern eine Umgestaltung zu erwarten; praktisch wirkt nur der praktische, belebende Geist. Fehlt dieser, so fehlt Alles. Man denke sich nun in die Lage eines Lehrers, der diese verschrobenen, unbegreiflichen Sätze Kindern lehren, und sie mit dieser Lehre zu Juden erziehen soll. Bringt er aus seinem Seminar den ächten, wahren, jüdischen Geist mit, wie kann er dann diese Katechismnsweishcit für Judenthum halten und als Judcnthun! lehren, ohne mit sich selbst in Widerspruch zu gerathen? Versteht und glaubt er den Inhalt seines Katechismus, d. h. glaubt er ihn zu verstehen, und beredet er sich, ihn zu glauben, oder versteht und glaubt er selber nicht, was sein Mund lehren muß, in jedem dieser Fälle ist der Zwiespalt zwischen der hohlen Phrase, die von den Lippen fließt, und der Wahrheit, die in seinem Innern lebt, in Permanenz erklärt. Die Misi-re eines solchen Zwiespalts braucht mau nicht weiter anszumalen. (Schluß folgt.) Die tn'rfdjif&cimi Arte!! des AüiismitisWS. Ueber dieses iutercssaute Thema hielt Herr Hof- Prediger Stöcker am 2. d. M. einen sehr instruktiven Vortrag. Von unserem Berliner Korrespondenten wird uns eine Besprechung desselben zur Veröffentlichung ciugcsandt. Wir ziehen cs jedoch vor, bie(e!t Bortrag ausführlich nach dem Referate der ״Kreuzzeitnng" unfern Lesern mitzul heilen. Man lernt daraus die Kampfesweise dieses Vaters der jndcufeiudlicheu Bewegung besser kennen, als durch eine kritische Behandlung der Rede. Dieselbe ist in der ״Kreuzzeitnug", wie folgt, wieder׳ gegeben: Als Hofpredigcr Stöcker in der dicht besetzten ״Tonhalle" erschien, wurde er mit lautem Willkommen und lebhaften Hochrufen begrüßt. Er sprach über ״die verschiedenen Arten des Antisemitismus". Nach Ver׳ sicherung der Gegner (so führt er etwa auS) liege der Antisemitismus zwar schon lange in den letzten Zügen; in Wirklichkeit sei er aber so lebenskräftig, sogar verschiedene Abarten hervorzubriugen. So lange der SemitislnuS in seiner schlimmen Art unter uns existirt, so lauge wirb auch der Antisemitismus nicht.entbehr-!ich sein und der ScmitiSmus sorgt schon immer wieder dafür, daß man an ihm gar nicht vorbei kann. Der Gegensatz hat sich nicht nur bei uns entwickelt, auch in Oesterreich, in Wien, in Paris u. s. w. ist er mächtig

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