Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1887)
- Article
- Plaudereien aus der Schule
- Date
- 1887-12-08
- Page
- 777 (sequence 1)
- Language
- German
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M 49. Jeschurun. 777 piniikrfifii ans kt ächiile. Von Bezirkörabbiiicl־ Dr. 1x1)1־ mau 11 in Baden!'Schwei;V VI. (Fortsetzung statt Schluß.) Doch fcl)1־c1t wir zu unserem Hanpttrumps zurück. — Nehmen wir wieder zuerst an, die unglücklichen Kleinen nehmen das Alles für baare Münze, welch eine heillose Konfusion müssen dann solche Lätze bei den Kindern anrichlen. Man stelle sich vor: das Kind erhalte eingctrichtcrt: Gott ist einzig, ewig, geistig! Nichts i.n der Welt ist so nothwcudig und wichtig! Trost, Ruhe und ewige Seligkeit hangen davon ab, daß man sich das klar macht. Das kann sich aber Niemand ganz klar machen, weil es nicht nur der kindlichen, sondern auch der vollendetsten Einsicht ein ewiges Näthsel bleibt. Mithin ist dem Kinde thatsächlich Trost, Nahe, ewige Seligkeit schon im ersten Unterricht abgesprochen, weil an Bedingungen geknüpft, die niemals erfüll! werden können. Wenn die Jünglinge und Jungfrauen einst noch wirklich das iin Gedächtnis; bewahren werden, was sie in der Religionsstnnde als Kinder gelernt haben, sollte ihnen dann niemals die Frage anfdämmcrn: Ist cs denkbar, daß Gottes allweije Liebe die höchsten Güter des diesseitigen und jenseitigen Gebens von einer klaren Erkenntniß abhängig gemacht hat, die für Niemanden erreichbar ist? Dach man muß zugebcn, daß diese und ähnliche Fragen wohl noch niemals in praxi gestellt worden sind, weil sich diese Religion viel leichter vergißt als lernt, weil die ganze Religion in Wirklichkeit nicht langer hält, als sie halten muß, bis zur Konsirnlation. Dazu kommt noch, daß Gottlob die Kinder das Alles nicht so tragisch nehmen, wie cs ihnen angcdroht wird. Was wissen sic von Trost? Was sollten sie mit ihm anfangen? und gar Ruhe? Ruhe ist dem Kinde Tod, Unruhe Leben! Bon der Ruhe, an die sein Katcchisntns denkt, hat cs keine Ahnung, kann es keine haben, so wenig wie die Kindcrwclt, die ihren Himmel ans Erden und ihre Seligkeit schon jetzt ans jedem Athen!- zugc schöpft, sich nach einer Seligkeit sehnen, oder ihren Verlust betrauern kann. Daß Lehrer und gar Rcligiouölehrcr die Natur des Kindes so wenig kennen, daß sic nicht davor zurückschrecken, solche unverdauliche Kost der Jugend mit Gewalt bcizubringen und von diesem Verfahren gar eine Hebung des religiösen Sinnes erhoffen, dieser ganze Jammer erreicht seinen Höhepunkt übrigens nicht in dem, was hier gelehrt wird, sondern in dem, was hier gefragt wird. Hier z. B. in der Frage am Ende des ersten Abschnittes: ״Ans welche Gesinnung führt unö diese Erkenntniß?" Für die Lehrer, welche es wirklich sind, braucht es nicht erst gesagt zu werden, welche Verkehrtheit und Unwahrhaftigkeit in allen denjenigen Fragen liegt, und für die anderen ist es übcrsiüssig, denn wenn sie cS aus ihrem Unlgang mit Kindern noch nicht erfahren haben, so werden sic es ans dieser Auseinandersetzung noch viel weniger begreifen. Aber es muß trotzdem gesagt werden, damit wenigstens die Eltern, denen daran liegt, einen Unwerthmcsscr mehr für diese Sorte von Religionsunterricht erhalten. — Zn dem, was über diesen Punkt bereits früher bemerkt wurde, mögen hier einige Aussprüche kompetenter Fachmänner folgen. ״Dem Kinde zu sagen, daß etwas schöner sei, oder nicht, und weshalb, ist Unverstand. Mau sagt dem Kinde ein Wort, cs sagt cs nach und — hat nichts gelernt und nichts dabei gewonnen, als cs mit der Wahrheit nicht genau nehmen;" sagt ein gewissen- Hafter, wahrhafter Pädagoge, Bartyolomäi. ״Was Du denkst," sagt Schiller, ״gehört Allen, was Du fühlst, ist Dein eigen." Ein anderes Wort desselben Kenners der Höhen und Tiefen der mcnschlichen Seele: ״Was er weise verschweigt, zeigt mir den Meister des Slyls" heißt aus den Lehrer angewandt: In dem, was er weise verschweigt, zeigt sich der Meister im Lehren. Und wie ist diesen! Krebsschaden unseres ganzen Rcligionöschnlwcsens gegenüber ein drittes Schiller'schcs Wort am Platze: ״Schwatzet mir nicht so viel von Nebelflecken und Sonnen!" Durch wenige Laster schadet man der Jugend, auch in Schuten, mehr, als durch das Laster der Schwatzsucht, dieser Manie, die so Viele ergriffen hat, seitdem mau auf das Bekenntnis von Worten so viel Werth legt. In den Schulen, in denen ein Schwätzer regiert, wird jede Geistesbildung, ja jede Gcistcsrcgung durch den ewigen Wortschwall erstickt und begraben. DaS große Publikum hat darüber keine Stimme, von tausend oft kaum einer. Man meint, wer eine gewandte Zunge habe, wer von ״Allem zu reden" wisse und immer dazu bereit stehe, sei ein Lehrer. Kaum ist ein Irr- 11)1111! verbreiteter, keiner schadet mehr als dieser. Der Meister zeigt sich, was das Innerste betrisst, in den! weisen Schweigen, lehre er durch den lebendigen Mund oder durch die lobte Schrift. Um cs kurz zu sagen: In! Lehren an sich entscheidet das Talent; aber cS bedarf zur Unterlage der Gesinnung, der Ge sin - nu!!g, die sich in Worten bloß zu legen eine Scheu hat. Die Virtuosität, den Lehrstoff dem Schüler so vorzulcgen, daß er von selber oder wie von selber die Gesinnungen und Gefühle, die erweckt werden sollen, entwickle und abstrahire, ist das Wesen der Sokratik, das Ideal aller Katechetik. Unsere knöchernen Katechismen mit ihren auswendig zu ter-!!enden Gefühlen und Gesinnungen verhalten sich zu ihr