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Jeschurun · 1887-12-08 · Heft 49 (8.12.1887) · p. 776

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 49 (8.12.1887)
Article
Bilder aus der Gegenwart
Date
1887-12-08
Page
776 (sequence 3)
Language
German
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76ד hatte ununterbrochen geschlafen, die Strahlen der I Morgcnsonnc drangen bereite in ihr Zimmer und er-! füllten das prächtige Gemach mit blendender Helle, j denn cS war am Abend vorher vergessen worden, die! Jalousien zu schließen. Jetzt sielen die Sonnenstrahlen direkt ans das Ruhebett und nun trafen sie das Antlitz der holden Lchläserin. Plötzlich fuhr diese empor und riß die Augen aus, doch geblendet von den direkt aus sie dringcuden Strahlen schloß sie sic sofort wieder. Doch gleich darauf öffnete sie sie abermals, und mit der Hand die Augen beschattend, blickte sie mit namenlosem Erstaunen um sich. Was war das Alles? — wo befand sic sich? Sic rieb sich die Augen und blickte dann abermals um sich, wachte sie? — ober träumte sie? Sie glaubte zu wachen, — glaubte cs mit Vcstimmthcit — und dennoch — eS war ja nicht möglich! — nein, gewiß nicht. Sicherlich lag sic in ihrem Bette und sch lies und träumte, daß sic sich wachend in einem fremden Zimmer befinde. Seltsam! — seltsam! ־— in dieser Weise hatte sie doch noch me geträumt. Lautes Vogelgezwitscher drang an ihr Ohr. — DaS hatte sie auch von ihrem Zimmer aus nie vcrnommcn. denn die Fenster ihres Zimmers führten zur Straße. — Und dennoch Hütte sie schwören mögen, daß sie wache. Nein, dieser Zweifel war unerträglich, sic!nußte sich über ihren Zustand Gewißheit verschaffen. Nasch sprang sie auf und griff nach dem Sessel vor ihrem Bette, auf den sie ihre Kleider nicderzulegcn pflegte. — Aber der Sessel war leer — und staunend gewahrte sie jetzt erst, daß sie bereits vollständig an׳ gekleidet war. Abermals griff sie nach ihrem Kops, sollte sie dennoch im Traum sich besiuden? Aber nein! nein! nein! — sie war wach, vollständig wach, jetzt wußte sie cS mit Bestimmtheit — aber sie befand sich in einem ihr völlig nubclanuren Raum, wohin sic auf ihr völlig unerklärliche Weise gekommen sein mußte. Langsam durchschritt sie das Zinuner und trat zu dem Fenster, daS die eine Seite des Zimmers vollständig cinnahm, doch von schweren Vorhängen von dnnkelrothem Sainmt und Spitzen zur Hälfte bedeckt war. Sie blickte auf die herrlichen Parkanlagen, die das Schloß umgaben, und ihr Erstaunen wuchs von Minute zu Minute. Staunend schüttelte sie den Kopf. Wo befand sie sich? Sie hatte nie an Zauber geglaubt — sollte cs dennoch Zauber geben? Oder — oder — äffte sie am. Ende gar mir ein Spiel ihrer Phantasie? — Herr Gott im Himmel! war sic wahnsinnig geworden? Bei diesem Gedanken entrang sich ihren Lippen ein lunter gellender Schrcckeusruf. Im selben Moment ging die Thur aus, die Anrme trat in das Zimmer. ,.Guten Morgen, liebcS Fräulein!" Einen Monient. starrte Erna sie betroffen an, doch im nächsten hatte sie bereits die Sachlage durchschaut. Mit zorufunkclnden Angen stürzte sie aus die Bäuerin zu, packte sie an den Schultern und schüttelte sie heftig. ״Kali!" schrie sie, ״unglückseliges Weib, was hast Du mit mir gemacht? wohin hast Du mich geführt? wo bin ich?" Die Bäuerin strebte vergebens, sich den schmalen, in diesem Moment jedoch überaus kraftvollen Händen des jungen Mädchen zu entwinden. ״Sie sollen ja Alles wissen, Fräulein — ich will Ihnen AllcS sagen — aber erst lassen Sie mich! lassen Sie mich loS!" ״Nein!" schrie Erna, sie nochstärker schüttelnd, ״ich lasse Dich nicht los! Dtl mußt mir zuvor sagen, wo ich bin — vder ich erdrossele Dich!" fügte sie zischend hinzu — und als wolle sie ihre Drohung wahr machen, griff sie mit der eiucu Hand an die Kehle der Bäuerin. Diese stieß einen mtartikulirten SchreckeuSruf aus. ״Was geht hier vor?" fragte plötzlich eine überaus wohitöucnde Männerstimme. Erna wandte sich hastig um und ließ hierbei unwillkürlich die Bäuerin frei. Ein junger Mann im Jagdanzug stand vor ihr. Er verneigte sich höflich und nicht ohne Würde. ״Ich habe die Ehre, mein Fräulein, Sie in meinem Schlosse willkommen zu heißen." Erna griff sich mit der Hand an die Stirn. ״Mein Herr," stammelte sie, ״ich weiß nicht, wer Sie sind." ״Ich bin ein ungarischer Edelmann," cntgcgnete er, sich in die Brust werfend. ״Daun sind Sie hoffentlich auch ein Ehrenmann," versetzte das junge Mädchen rasch. ״O, mein Herr, cs ist ein cutsctzliches Bubenstück an mir verübt worden." ״Daun rechnen Sie unbedingt auf meinen Schutz, auf meine Hülse," und bctheucrud legte er die Hand auf die Brust. (Fortsetzung folgt.)

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