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Jeschurun · 1887-12-08 · Heft 49 (8.12.1887) · p. 775

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 49 (8.12.1887)
Article
Bilder aus der Gegenwart
Date
1887-12-08
Page
775 (sequence 2)
Language
German
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775 Nasch goß die Amme abermals von dem BetäubungSmittcl auf das Tuch und hielt cS dem jungen Mädchen abermals unter die Nase. ״Schlaf, mein Püppchen, schlaf," flüsterte sie. Und so oft die Schlafende sich regte, wiederholte die Bcuerin daS gleiche Manöver. Der Wagen rollte weiter, immer weiter. Von Stunde zu Stunde wurden die Pferde gewechselt, bald bei einem einsam stehenden Gehöfte, bald mitten am Wege, wo ein Reitknecht mit frischen Pferden den Wagen zu erwarten schien. Endlich gegen Mitternacht bog der Wagen von der Fahrstraße ab und fuhr seitwars auf einen Park zu. DaS Thor stand offen, der Wagen fuhr hinein und nun ging'S durch prächtige wohlgepflegte Alleen. Doch die Jnsrsscn des Fuhrwerks hatten keinen Sinn für die Schönheit ihrer Umgebung. Abgesehen davon, daß cS eine finstere Nacht war, befand sich die Eine noch immer im Zustand der Betäubung, während die Andere sorgfältig über sie zu wachen schien. Endlich hielt der Wogen vor einem hoben präch- Ligen Gebäude inmitten des Parks. Der Schlag ward geöffnet und der Schein einer Pcchfackcl, die ein reich gallonirtcr weißhaariger Diener in Händen hielt, siel in das Innere des Wagens. Ein hochgewachsener, überaus nobel anSschender junger Mann im Jagdanzug blickte in gespannter Erwartung hinein. ״Jst'S;Pit gegangen, Kati?" fragte er im Flüstcrton, ״Du hast sie hier bei Dir?" ״Jawohl, Herr Graf," erwiderte die Bäuerin in demselben Ton, ״Mühe hat es zwar gekostet, leicht ist cs nicht gegangen, aber gut. — Sie liegt auf meinem Arm, wenn Sie mir helfen wollen, tragen wir sie vorsichtig hinauf ins Schloß." ״WaS,— helfen," entgegnetc der Graf, ich brauche keine Hülfe, ich trage die süße Bürde weit lieber allein." Er wollte bei diesen Worten das schlafende Mädchen auS dem Wagen heben, doch die Venerin hielt ihn zurück. ״Nein, Herr Graf," sagte sie entschieden, ״daS ist gegen unsere Verabredung. Helfen dürfen Sic mir sic hinein zu tragen, allein tragen dürfen Sie sie nicht." ׳״Alter Drache," sagte der Gras leise lachend, ״nun also, tragen wir sic gemeinschaftlich." Und vorsichtig hoben sie daS junge Mädchen curS dem Wagen und trugen sie über die breiten Marmorstuscu, durch die prächtige Säulenhalle hinein in das Innere des hell erleuchteten Schlosses. In einem überaus elegant eingerichteten Boudoir machten sie Halt und legten die noch immer Schlafende auf ein schwellendes Ruhebett. Der Gras blieb vor demselben stehen, versunken in Betrachtung deö Liebreizes der wunderschönen Schläserin. ״Wie schön!" flüsterte er, ״wie schön!" ״St! st!" flüsterte Kati, indem sie beschwichtigend mit den Händen winkte, ״sie regt sich, sic kann sofort erwachen. Sie müssen sich zurückzichcn, Herr Graf — ich stehe für nichts, wenn sic Sic hier erblickt," fügte sie hinzu, als sie ihn zögern sah. Es kostete den Grafen sichtlich Uebcrwindung, dieser Aufforderung zu entsprechen; einerseits besorgte er jedoch, die Frau gegen sich auszubringen, andererscitS inußte er selbst die Möglichkeit zugcstehcn, daß ein verfrühtes Erscheinen seinerseits das, was er seine Interessen nannte, gefährden könne. ״Auf morgen also," sagte er leise, indem er der Bäuerin zunickte und geräuschlos das Zimmer verließ. Kaum hatte er sich entfernt, als Kati das Licht in der Ampel auSiöschre und sich in daS Vorzimmer begab, wo sie sich in einen Lehnsessel nicderlicß und sehr bald vom Schlafe übermannt wurde, denn die anstrengende Fahrt hatte sic nahezu erschöpft. Mit dem AuSlöschcn der Ampel hatte oaS schlaue Weib jedoch einen Hauptkoup auSgcführt, vor Allem hatte sie sich dadurch dir nächtliche Ruhe gesichert. Als Erna nämlich nicht lange nachher erwachte und die Augen ansschlug, herrschte vollständige Finsternis; rings umher, so daß cS ihr nicht möglich war, zu entdecken, daß sie sich in c incm ihr unbekannten Raume befand. Unwillkürlich hatte sic sich halb aufgcrichtct und die Hände au die Stirn gedrückt, der Kopf war ihr wüst und schwer, dennoch erinnerte sie sich an VerschiedcneS, was ihr jedoch als ein häßlicher Traum vorkam. — Gewiß, sic halte geträumt, einen dummen, tollen Traum — hätte denn ihre eigene Amme, die ihr von jeher so überaus zugcthan war, etwas Böses gegen sic vollführen können? — Wie man doch so dumm träumen kann! Aber wie spät mochte cö sein? — Sie mußte bereits lauge geschlafen haben, sehr lange, sic erinnerte sich nicht einmal, wann sie sich nicderaelcgt hatte — und doch war cS noch Nacht, stockfinstere Nacht. — Abermals preßte sie die Hand gegen die Stirn, als wolle sie Nachdenken — aber mit dem Denken wollte eS durchaus nicht gehen, sie sank wieder zurück auf die Polster, ihre Augen schlossen sich wider. — Aus dem anstoßenden Zimmer drang lautes, langgedchntes Athmen an ihr Ohr, ein Lächeln zuckle um ihre Mundwinkel. — Wie die alte Mirjam wieder einmal schnarcht." Sic war so fest überzeugt, daß sie daheim in ihrem Bette lag, daß sie die langjährige Dienerin im Hause ihres Vaters, die in dem ihrem Zimmer zunächst liegenden Zimmer zu schlafen pflegte, athmen zu hören glaubte. ES war jedoch ihre Amme, die ihren Lehnsesstl dicht vor die Thür des jungen Mädchens gerückt hatte. Abermals waren einige Stunden vergangen, Erna

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