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Jeschurun · 1887-12-01 · Heft 48 (1.12.1887) · p. 760

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 48 (1.12.1887)
Article
Bilder aus der Gegenwart
Date
1887-12-01
Page
760 (sequence 3)
Language
German
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760 kann kein anständiger Mensch auch nur halbwegs j anskommcn. Doch ich weiß eS ja, auf Geld kommt cS Euch, theure Eltern, nicht an. Hauptsache ist, daß ich etwas Gehöriges lerne, und das wird bei Kleinert & Sohn der Fall sein. Ich hoffe daher, baldmöglichst durch ein Liebes Schreiben und durch Uebersendnng emcS entsprechenden Betrages erfreut zu werden. 3m Vorhinein besten Dank von Eurem Euch liebenden Sohne Gu stav." Wolfs preßte die Lippen fest auseinander, unwill- Lnrlich ballte er die Faust und zerdrückte den Brief. ״Bube!" stieß er zwischen den geschlossenen Zähnen hervor. Aus der halb geöffneten Thür des Nebenzimmers drang?lechzen nnd einzelne abgerissene Worte, die seine Frau in fieberhaftem Schlummer murmelte, an sein Ohr. Der Name ihres Sohnes war wiederholt baruutiT. ״Ol — O! — welche Hoffnungen batten er nnd sic auf diesen Sohn gebaut — und nun — Er bog das Antlitz in den Händen, Thräneu entstürzten seinen Augen. Doch er überließ sich nicht lange diesem Ansbrnchc seines berechtigten Schmerzes, mit Gewalt drängte er die Thräneu zurück, setzte sich an den Schreibtisch, um den Brief des Sohnes sofort zu beantworten. Er schrieb: .,Mein Sohn! Ich habe Deinen Brief erhalten, wenige Minuten nachdem der Arzt mir eröffnet, daß die übergroße Gcmüthsaufrcgung Deiner - Mutter in ein hitziges Fieber überzugehen droht. Damit Du diese Aufregung begreifen kannst, theile ich Dir mit, daß Deine Kousinc Ncgine vor einigen Tagen verschieden ist, nachdem sie einem Kinde das Leben gegeben hat. Sterbend hat sic Deiner Mutter den Namen ihres Verführers genannt. Du kennst Deine Mutter und kannst Dir daher denken, welch ein furchtbarer Schlag dieses für sic war. WaS Deinen Eintritt in daS Komtor von Kleinert *fc Sphn betrifft, so weiß ich, daß dasselbe am Sabbath geöffnet ist. Da ich nicht glaube, daß sie einem ihrer Komtoristen am Sabbath sreigcbcu werden, so kann ich nicht zugebcn, daß Du diesen Posten antrittst. Du bist kein Ignorant/Du kennst die Heiligkeit des SabbathS, Du weißt, mit welch' hohem Ernst das Werlverboi am Sabbath wiederholt ausgesprochen ist — ich weiß in dieser׳ Bc- Ziehung Dir nicht mehr zu sagen, was Dir nicht bereits bekannt wäre. — Nur Eines habe ich Hinzuzusügen: ' ' ׳•"; - Wenn Du den Sabbath entweihest, sage ich mich loS von Dir. Nir ii« Leben würdest Du in diesem Falle auch nur einen Kreuzer von mir erhalten und auch nach meinem Tode hättest Du von meinem Vermögen nur das Pslichttheil zu erwarten. Das bedenke. Ich kann nichts weiter hinznsügcn, der Kopf ist mir schwer. Ich höre Deine Mutter phantasircn — ich höre das Wimmern eines kleinen Kindes. Kehre zurück, mein Sohn! — Dem Reuigen ist das Vaterhaus stets offen." Vierzehn res Kapitel. Wir Huben Erna verlassen in dem Moment, als sie mit ihrer?Imme in einen Wagen gestiegen war. Es war ein geschlossenes Koupcc, daS junge Mädchen fand die Luft, wie sic sich anSdrückte, erstickend schwül, sic ließ sofort beide Fenster hernieder. ״Schade, daß wir keinen offenen Wagen genommen haben," sagte sie, indem sie sich in die Polster zurücklehnte. . Die Amme zuckte die Achseln. ״Es war nur dieser einzige Fiaker zu sehen, wir hätten gerade einen Emjpänner nehmen müssen, nnd die fahren doch allzu schlecht, da hätten wir ebenso gut gehen können. Und übrigens im offenen Wagen ist's auch nicht immer am besten, wir müssen über die Brücke faljrcn, da ist eine entsetzliche Zugluft." ״Bei solch' warmen Wetter ist das auch nicht unangenehm," sagte Erna. ״Ja, für Sie,. Fräulein, das mag schon sein. Sie sind jung, wissen nichts von Rheumatismus und dergleichen. Aber wenn man in die Jahre kommt — habe ich doch die ganze verflossene Nacht kein Auge zugcthan, so hat es mich gezogen, bald in den Zähnen, bald in den Ohren, bald hier und bald dort." ״Arme Kati!" Erna streichelte ihr mitleidig die Wange, ,.wenn Du Schmerzen hast, will ich lieber die Fenster schließen." ״Nicht doch, nicht doch, liebes Fräulein, heute an! Tage ist mir schon ganz gut, und hier ist auch gar keine Zugluft.?Iber bevor wir ans die Brücke kommen, da möchte ich Sie schon bitten — das heißt, wenn es Ihnen nicht gar zu unangenehm ist." ״Was fällt Dir ein. Du närrische Kati, Du. Meinst Du. ich könnte nicht Dir zu Liebe fünf Minuten im geschlossenen Wagen fahren?" (Fortsttzung folgt.)

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