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Jeschurun · 1887-12-01 · Heft 48 (1.12.1887) · p. 759

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 48 (1.12.1887)
Article
Bilder aus der Gegenwart
Date
1887-12-01
Page
759 (sequence 2)
Language
German
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759 Arbeiter mir sehr willkommen war. freute cs mich auch innigst, Dir eine Gcsälligkcit erweisen :u können.! Ich fügte meiner Zusage das Versprechen hinzu, : Deinen Sohn halten zu wollen als ob cs mein; eigener Sohn wäre und ihn auch in derselben Weise! beansjichtigen zu wollen. Denn die Gefahren, die einem jungen unerfahrenen Menschen in der Großstadt drohen, sind unberechenbar. Daß ich mein Versprechen gehalten, bedarf keiner Versicherung. * Zn meinem aufrichtigen Bedauern sehe ich mich jedoch verpflichtet, Dir mitzutheilcn, daß ich fortan nicht mehr in der Lage sein werde, Deinen Sohn zu beaufsichtigen, obgleich er der Aufsicht nur allzu sehr bedarf. Es thut mir sehr, sehr leid :— aber ich darf cs Dir nicht vcrschweigen. Hauptvcranlassung zu dem Bruche — denn ein Bruch ist bereits khatsächlich erfolgt — war mein wiederholtes dringendes Verlangen, Dein Sohn müsse den Verkehr mit einem gewissen Anton Kaiser, einem Kousin Deiner Frau, aufgcbcn. Ich hielt mich zu diesem Verlangen verpflichtet, nicht nur weil es den Sohn meines besten Freundes betraf, sondern auch weil ich prinzipiell keinen jungen Mann in meinem Geschäfte behalten würde, der mit einem Menschen von dem Schlage des erwähnten Kaiser verkehrt. Dieser Anton Kaiser ist nämlich nicht nur in religiöser Beziehung im höchsten Grade leichtfertig, sondern er gehört auch in sozialer Beziehung zu den verrufensten Menschen, die ich kenne. Er selbst nennt sich Sozialist, thatsächlich war er aber schon wiederholt wegen anarchistischer Umtriebe in Untersuchung, einmal ist er sogar deshalb verurthcilt worden. Ich habe dieses selbstverständlich Deinem Sohne vorgestellt, und als meine wiederholten Vorstellungen erfolglos, habe ich allerdings mit Entlassung gedroht, wenn er den Verkehr mit jenem Elenden nicht aufgcbcn würde. Ich Hütte jedoch meine Drohung nicht ansgcsührt, ohne Dir zuvor darüber geschrieben zu haben, denn ich hoffte und hoffe and) noch, daß cs Deinen Ermahnungen gelingen wird, den jungen Mann wieder auf den rcchtcu Weg zu bringen. Ich hatte cs indessen kaum ausgesprochen, daß ich mich eventuell gezwungen sehen würde, ihn zu entlassen, als er nur kündigte. Er erklärte cs unter seiner Würde, sich von seinem Chef außerhalb der Geschüstöstunden Vorschriflcn machen zu lassen; wenn er sich im Komtor irgend etwas zu Schulden kommen lassen würde, könne er mir das Recht, ihn: Vorstellungen zu machen, allerdings nicht absprechen, im Uebrigen wäre er jedoch sein eigener Herr. Seinen Kollegen theiltc er dann mit, daß er bereits ein anderes Engagement habe, und zwar bei Kleinert & Sohn. Auf die Frage, ob er denn dort am Sabbalh und an den Feiertagen frei haben werde, cntgcgnete er achselznckend: wenn man in der Welt fortkomrncn wollte, dürfe man sich von derartigen veralteten Vorurtheilcn nicht beeinflussen * lassen. Der junge Mann ist offenbar verführt. So schmerzlich es mir wird, Dir eine trübe Stunde zu bereiten, glaube ich Dir doch nicht verschweigen zu dürfen, was ich über Deinen Sohn weiß. Deine väterlichen Ermahnungen werden ihn sicherlich zur Einsicht bringen und hoffe ich, Dir recht bald Gutes über ihn berichten zu können. Adieu, mein lieber, thcnrcr Freund! Verzeihe dm Schmerz, den meine Mittheilung Dir bereiten, und sei versichert, ich einpfinde ihn mit Dir. Sobald Dein Sohn zur Einsicht gekommen ist, sicht ihm der Wiedereintritt in mein Geschäft jeder Zeit offen, ich werde ihm seine Kündigung nicht entgelten laffcn. Mit vielen Grüßen an Deine liebe Frau O...., 23. Mai 1879. Dein treuer Freund Nathan Fr!cd he im." Wolf ließ die Dank sinken, die das Schreiben hielt, ein lautes Aechzcn entrang sich seiner Brust. — Gustav war fein Sohn, sein einziger Sohn. Eine geraume Zeit saß er da, in trüben Sinnen versunken, dam! erst griff er nach dem andern Brief und entfaltete ihn. Er las: ״Liebe Eltern! Ich muß um Entschuldigung bitten, daß ich Euer liebes Schreiben von vor vierzehn Tagen nicht früher beantwortet habe. Es traf mich jedoch gerade in unangenehmen Erörterungen mit meinen! bisherigen Chef, die mich vcranlaßlcn, mich nach einem andern Posten umzuschcn. Ich wollte daher mit meiner» Schreiben warten, bis ich Euch Sicheres über meine Zukunft mittheilen konnte, und dieses ist mir erst heute möglich. -Herr Friedheim hat sich nämlich erlaubt, sich in meine Privatatgclcgcnhciteu zu mischen, wozu er durchaus nicht berechtigt ist. Da ich mir dieses weder gefallen lassen konnte noch wollte, so habe ich mich nach einer andern Stelle!ungesehen, und durch Vermittelung eines Freundes׳ auch bereits eine gefunden. Am I. nächsten Monats trete ich in das Komtor des Bankhauses Kleinert L Sohn ein und hoffe, dort mehr Gelegenheit zu haben, mir Geschäftskenntnisse zu erwerben als dieses bei Herrn Friedheim möglich war. Der Gehalt ist vorläufig allerdings noch gering, mit vierhundert Gulden im Jahr

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