Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1887)
- Article
- Eine volksthümliche Geschichte der Juden
- Date
- 1887-12-01
- Page
- 755 (sequence 2)
- Language
- German
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als der erste veröffentlicht wurde, im zweiten, dritten und vierten Jahrgänge dcS ״Jeschurum (alte Folge) in einer.Neihe von zwölf Artilcln unter Anführung der Quellen kritisch wissenschaftlich dargclcgt worden. Vir behalten uns vor, gelegentlich darauf zurückzukommen. Jur Männer der Wissenschaft ist das Urthcil über die Stellung des Verfassers zur objektiven Geschichtsforschung einerseits und znm Jndcnlhnm andererseits durch das Geschichtswerk selbst ermöglicht und längst festgestellt. Hier aber handelt cS sich um ein Verl, das für weitere Kreise, ״sür alle GeschichtSsrennde, für die israelitischen Vcljvcr und Familien" bestiinmt ist. Da dürste es wohl angczcigt sein, deinselbcu eine eingehende Besprechung z!l widmen und dadurch auch weiteren Kreisen ein Urthcil zu ermöglichen. Vir werden demnach das Werk unter den beiden obenerwähnten Gesichtspunkten zu betrachten!nid zu fragen haben: Vie verhält es sich zu demjenigen, was denn doch die LcbenSscclc unseres Volkes bildet, des einzigcn Volkes, das seine Geschichte nach Jahrtausenden zählt und gleichmäßig der ältesten, alten, mittleren und neuen Geschichte angchört, dcS einzigen Volkes, das mit dem vollen Bewußt sein seines Berufes ungebeugt lind lcbcnssrisch durch die Jahrtausende gewandert ist, die sich ihm nur zu oft zur Wüste gestalteten. In weichem Vid)tc stell! es die Thora dar. diese Lcbcnsjcclc unseres Volkes, die ihm die geschichtliche Unsterblichkeit als Volksindividualilüt verliehen und es erhielt, auch als alle Bcdütgungcn geschwunden waren, die sollst ein Voltsdasein ermöglichen? Vas ist dieser Geschichte die Thora, dieser eillzigc und höchste Aalioiialschatz dieses armen und doch so unendlich reichen Volkes, für dessen Erhaltung cS Jahrtausende hindurch freudig alles geopfert hat, was sonst den Menschen des Lebens höchste Güter sind, für dessen Erhaltung ihm kein Preis zu thcncr, kein Opfer zu schwer war -- es glaubte Alles verloren, so es ihn prcisgab, und wuf;tc Alles gerettet, so cö nur ihn gerettet hatte — diese Thora, deren Inhalt das ganze innere und äußere Leben unseres Volkes seit Jahrtausenden gestattet hat, deren Wahrheit in ihrer Tarlegmig und Anwendung den einzigen Inhalt seiner ganzen in ihrer Großartigkeit und ihrem Umfange unvergleichlich einzigen Literatur bildet, die einen GcisleSschatz repräsentiert, au dem in Wahrheit die 'Jahrtausende gearbeitet haben — diese Thora, der die Menschheit ihre Gesittung und der Israel fein Dasein verdankt, waö ist sic dieser Geschichte? Sodann aber werden wir den Maßstab der wissen-- schaftlicheil Kritik all dieses Werk zu legen haben, das sich als Ergebnis; historischer Forschungen darbietet. Wir werden die Urtheile, die der Herr Proscssor fällt, aus ihre Begründung, die Schlüsse die er zieht, ans ihre Folgerichtigkeit, die Voraussetzungen von denen er ansgeht, auf ihre Stichhaltigkeit, vor allem die Quellen, die er anführt, auf ihre Beweiskraft zu prüfen haben; wir werden in dieser Vezichnng freilich genöthigt sein, häufig ans das größere Werk zurnckzugreifen, von welchem die volksthninliche Geschichte ja nur einen populären Extrakt, eii'.e Darstellung der Ergebnisse bringen soll. Hinsichtlich dcS Eharakters einer solchen ״Volksthümlichen" für den gebildeten Laien, für die israelitischen Lehrer und israelitischen Familien bestimmten Geschichte möchten wir .zunächst mit einer allgcmcincn Bemerkung nicht zmückhalteu. Vir meinen nämlich, daß dieser Eharakler dem Verfasser eine viel strengere Sichtung bei jeder neuen Darbietung und eine viel peinlichere Gewisseilhafiiateit bei der Mitthciliing eines jeden neuen Ergebnisses seiner Forschungen zur unabweisbaren Pflicht mache. Nur wirklich festgcstelltc Ergebnisse, meinen wir. dürfen seiner Darstellung zu Grunde liegen, von Allein aber, waö nur auf mehr oder minder anfechtbaren Annahmen, geschweige denn Alles, was nur auf lustigen Hypothesen beruht, für welche jede wirkliche Begründung fehlt, hat er sorgsam abznsehcn, wenn cr als gcwissenhastcr Geschichtsschreiber die hohe Bedeutung seines Beruscs stets vor Augen hat, die Erkenntnis; der geschichtlichen Wahrheit in weitere Kreise zu tragen. Gerade der Umstand, daß er für Laien schreibt, die nicht in der Lage sind, selbständig Kritik zu üben und Thatsachen von Hypothesen zu sondern, macht, meinen wir, dem gewissenhaften Geschichtsschreiber die strengste Selbstkritik zur heiligen Pflicht. Denn wo der fachkundige Leser hänsig auf den ersten Blick erkennt, daß der gilUleiiinäßig begründete feste Boden der Geschichte verlassen ist,!nid daß cr sich Behauptungen, Annahmen und Voraussetzungen gegenüber besinde, die nur von einem mitunter recht kräftigen Glauben an — weniger den historischen Takt, als an die lombinircnde oder vielmehr produktive Phantasie des Geschichtsschreibers auch nur für einen Augenblick zugelassen werden können: da nimmt der gebildete Laie ahnungslos das Unbegründete wie das Begründete, das in der Luft Schwebende, wie das thatjächlich Wahre in sich auf. Was den sachkundigen Leser thatsächlich nur zur Prüfung vorgelcgt würde, das wird dem Laienpublikum thatsächlich zur gläubigen Annahme dargcbotcn. Um allen Miß- Verständnissen vorznbciigen, erklären wir übrigens ausdrncktich. wir wollen in keiner Weise etwa etwas Anderes als Geschichte für den Laien und etwas Anderes als Geschichte für den Gelehrten. Wohl aber-betonen wir, daß in einer volksthümlichen Geschichte alles, was auf niierwiescncn Hypothesen, auf bloß subjektiven Bermuthungeu beruht, entweder ausgcschicden oder ausdrncklich als solches kenntlich gemacht sei, eine Forderung, die übrigens auch bei einem nur für Fachkreise beslimmtcm Werte eine gewissenhafte Geschichtsschreibung