Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1887)
- Article
- Wucherische Ausbeutung des Landmannes
- Date
- 1887-11-24
- Page
- 745 (sequence 1)
- Language
- German
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M 47. 745 Jefchnrnn. MchmDe Allsbklitililg -es Caiitmtonne. XII. (Schluß.) Herr Landrath von Nathusins zu Oborni! berichtet über den Wucher auf dcm platten Lande in der Provinz Posen. Er stellt als Axiom auf:') ״daß die Inden ebenso zu Wuchergeschäften neigen als die Denlfchcn und Polen, dem ist noch niemals widersprochcn morden" und beantwortet demgemäß -) die Frage: ״wer betreibt den Wucher?" mit der Wieder- Hölting dieses Satzes unter dem Ansügcn: ״und damit stimmen alle Ermittelungen überein, daß mindestens neun Zehntheile sämmtlicher wucherischer Handlungen in hiesiger Provinz von Juden und höchstens ein Zehnthei! von Christen auSgeführt werden." Wunderbar, daß die Knminalstatistik dcS IahrcS 1684 aus der Provinz Posen keinen einzigen Inden, ja einen wegen Wucher Verurtheiltcn überhaupt nicht aufzuweiseu hat! DaS in der vorliegenden Sammlung schon so oft hervorgctrcteue Bekenntnis; der Referenten, daß der Wucherer und der Bewucherte von dem Wucher nicht sprechen, derselbe deshalb eigentlich nicht zu konstatiren sei, wird auch in dem Berichte deS Herrn von NathusiuS abgelegt, ja derselbe führt sogar an,׳') daß die von den landwirthschaftlichen Vereinen aus geschehene Aufrage crrhcilten Antworten ..säst ausnahmslos" dahin lauten, ״daß Wucher nicht mehr vorkomme." Die GewahrSmänncr deS Herrn von Nathusius und er selbst müssen deshalb unter ״Wucher" etwas ganz Anderes verstehen, als der gesetzliche Begriff umfaßt. Wenn die einzelnen Fälle/ welche hier aus dem Pojcnschen angeführt werden, um die verschiedenen Arten der Be- Wucherung darzustcllen, in der Thal sich so zugctragcn haben, wie sic geschildert werden, dann erhebt sich die Frage, warum sie nicht zur richterlichen Kognition und Ahndung gebrach! worden sind? Sie gnalifiziren sich ja meistcntheilS als Betrug und versteckten Wucher. Im klebrigen bc!11 eilt Herr von Nathusius/) ״daß es säst ausnahmslos liederliche, unwirthschastliche Peisonen sind, welche dem Wucher verfallen" und ferner: ״Fälle, in denen auch brave und tüchtige Menscheu, namentlich durch Ankauf von StcigernngS- Protokollen, mit Wucherern zu thun bekommen, sind mir nicht bekannt geworden." Er schreibt and) von den ״Borschnßvcrcinen, BolkSbaulcn, und wie diese Einrichtungen mehr heißen", ״daß diese Geldinstitute viel zu hohe Prozente nehmen, als daß sie einen in Noth befindlichen Bauern Helsen könnten," ja er macht ihnen sogar den Vorwnrs, daß ״die Geschäfte, die sie machen, selbst den Charakter des Wucherischen in manchen Fällen in sich tragen!" Uebcr die Wucherfrage in der Provinz Schlesien ist aus den Verhandlungen des ZcntralkolleginmS der verbündeten landwirthschaftlichen Vereine dieser Provinz am 28. Februar!887 eine diese Angelegenheit bchandelnde Debatte mitgcthcilt. Auf Antrag dcS Landwirthschastöministcrö hatte der Vorstand alle schlesischen Vereine anfgefordcrt, Untersuchungen über die Ansdchnnng und Wirkung deö Wuchers anznstcllcn. Der Referent, Baron von Tschammen-Dransdorf, bcrichtete nun darüber, daß in den einlausenden Ant- Worten immer die Acnßerung wiederkehrt:') ״Ja, cS ist schwer, über die Sache Positives zu berichten, weil beide Theilc, der Wucherer wie der Bewucherte, möglichst sich im Hintergründe halten." AuS einzelnen Kreisen wurde betont,׳) daß die Borschnßvereine, anstatt daß sie dazu dienen sollten, dcm Wucher Konkurrcnz zu machen, daran festhalten, so hohe Zinsen zn nehmen, daß dieselben als wucherische bezeichnet werden können." Der Wucher soll aber hauptsächlich, besonders in Oberschlesien, von den Scherilwirthen ans dem Lande, und vorwiegend wieder darunter von den׳- jcnigcn, die mosaischen Glaubens sind, betrieben werden. ES wird indessen Seitens des Neserentcn in der Vcrscmunlnng eine eigentliche Bewucherung der Landlcnte fast nur in der Festsetzung zu hoher Konvcntionatslrascn für den Fall, daß das Kapital nicht an dem bestimmten Tage zurnckbezahlt wird, konstatirt, da die andern Spczialsragcn fast einstimmig verneint werden mußten. Das Hauptdirektorium des Baltischen Zentral- Vereins zur Besördcrung der Landwirthschast berichtet über die Wuchcrvcrhältuisse in Neu-Vorpommern. Dasselbe stellt fest.״ (''׳daß der wirkliche Wucher aus dem Lande eine große Verbreitung noch nicht erfahren," daß derselbe aber doch ״mehr oder weniger in den verschiedenen Formen" vorkommt und ״vorwiegend von jüdischen Geschäftsleuten" betrieben wird. BcachtcnSwerthcr Weise wird in diesem Berichte das anderSwo sog. Vich-Einstcllgcschäst, welchem, wir in dieser Sammlung wiederholt als von jüdischen Viehhändlern betriebener, unter der Bezeichnung ״Biehwuchcr" bcgcguet sind, hier als ״von dem biederen christlichen Viehhändler" geübt, als Wucher nngezwcifelt. Die Beschuldigung der Inden für den zugestandener Maßen selten Qiiflrctcnben Wucher erscheint übrigens durch die Thatsache in einem sehr zweifelhaften Lichte, daß. die Statistik deö IahrcS 1884 keinen einzigen wegen Wuchers verurtheiltcn Juden in Pommern aufzuweisen hat. 1j Seite 304. -) Seite 3L0. 3) Seite 30">. Seite 320. J) Seite 320. ־) Seite 327. a) Seile 330.