Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1887)
- Article
- Bilder aus der Gegenwart
- Date
- 1887-11-24
- Page
- 744 (sequence 3)
- Language
- German
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744 Müller schüttelte bei! Kopf, und blickte abermals j eine Weile schweigend vor sich nieder, während Adolf j rastlos seine Zimmcrpromenadc sortsctzte, es schien ihm : unmöglich. mehrere Minnttn an einem Ort verweilen j zu können. Endlich nahm Ernas Vater wiedcrnm das! Wort, cs schien ihm schwer;n werden, seine Stimme war heiser und unsicher, als er begann, doch begann sie allmählich an Sicherheit. ״Es war von Anfang an meine Absicht, am Tage vor eurer Hochzeit Dich über Alles aufznklären - - unter obwaltenden Umständen glaube ich jedoch, nicht bis dahin warten zu sollen. — Sehe Dich, mein Sohn, und vernimm, was ich Dir milzutheilen habe." Dreizehntes Kapitel. Es war in den frühen Morgenstunden eines Maientages. Die Arbeiter begaben sich auf's Feld und blickten grüßend hinauf, wenn sie vor dem Fenster vorüber kamen, in dem, 1u!c gewöhnlich um diese Zeit, ihr Herr lehnte. Doch nicht wie gewöhnlich rief er freundlichc, ansmunternde Worte ihnen zu, nur mit stummen Kopfnicken erwiderte er ihren Gruß und blickte unablässig in gespannter Erwartung in scnc* Gegend, wo die Landstraß׳, gleich einem sich schlängelnden Silberfaden zwischen Wielen und Feldern sich hiuzog. Sein sonst noch frisch gefärbtes Gesicht war heute gelblich bleich, und tiefe Falten lagerten ans seiner Stirn. Hin und wieder preßte er die Lippen fest aufeinander; das war, wenn aus dem Juueru des Hanseö gellende, markerschütternde Schmerzcnsschrcie drangen. Die Nichte des Hausherrn, die früh verwaiste Tochter seiner verstorbenen Schwester, war am Abend plötzlich erkrankt, und von Stunde zu Stunde schien ihr Leiden sich zu steigern. Die ängstlich besorgte Tante war nicht von ihrem Bette gewichen, und auch ihr Onkel hatte die Nacht schlaflos verbracht. Gegen Morgen hatte er einen seiner Leute mit einem Wagen in die nahezu eine Stunde entfernte Stadt geschickt, um einen Arzt herbcizurufeu, und voll Ungeduld blickte er hinaus auf die Landstraße, von woher der Wagen, der den Arzt bringen sollte, kommen mußte. Das junge Mädchen war plötzlich erkrankt. Doch hatten ih!e Verwandten schon seit einiger Z.it eine gewisse Niedergeschlagenheit, eine ungewohnte Lässigkeit an ihr bemerkt. Sic hatte doch ehedem Freude an Putz und halte sich in jüngster Zeit nur selten bewegen lassen, eines ihrer bessern Kleider anzulegen, — vom frühen Morgen bis zum späten Abend pflegte sie sonst bei ihrer Arbeit zu. singen, seit Monaten hatte ntan kaum cm lautes Wort von ihr vernommen. Vergebens hatte die Tante in sie gedrungen, sic möchte sagen, was ihr fehle; Ncginc hatte stets versichert, sic fühle sich vollkommen wohl, nur über Müdigkeit halte sie zuweiten geklagt. . . Frau Wolf hatte wiederholt ihrem Manne gegenüber die Besorgniß ausgesprochen, daß dem jungen Mädchen, wie sie sich ausdrückte, eine Krankheit in den Gliedern liege. Er hatte sich stets bemüht, sie zu beruhigen, doch im Grunde war er ungleich mehr besorgt als sie, denn er fürchtete, die Ursache des Leidens seiner Nichte zu errat Heu. Vor mehreren Monalen, als sein Sohn noch zu Hanse war, da hatte er die jungen Leute einmal überrascht, als Gustav seiner Kousine Liebesworte zugeflüstert hatte. Er hatte den Sohn zur Rede gestellt, hatte cs ihm s rcigcstellt, sich mit seiner Kousine zu verloben, doch Gustav hatte diesen Vorschlag entschieden zurückgewiescn. Ncginc war ein armes Mädchen, als einziger Sohn!cicher Eltern konnte er ganz andere Partien beanspruchen. Der Vater hatte ihm darauf strengstens jede Liebelei mit dem jungen Mädchen verboten, hatte auch Ncginc auf das Unstatthafte eines allzu vertraulichen Verkehrs mit ihrem Vetter aufmerksam gemacht, harte ihr geradezu crkärt, daß Gustav nicht daran denke, sie zu ehelichen, daß sie daher auf ihrer Hut sein müsse, sich nicht mit ihm ins Gerede zu bringen. Gegen seine Frau jedoch, der er jede Unannehmlichkeit womöglich verschwieg, hatte er geschwiegen, was er um so leichter zu können glaubte, als sie schon seit einiger Zeit bestimmt hatten, daß (Gustav in der Hauptstadt in das Geschäft eines Freundes eintrctcn sollte. Er wußte Gustavs Abreise zu beschleunigen und seit jenen! Tage datirte die Aendernng in dem Wesen seiner Nichte. Wie lange der Knecht ausblicb! — er Hütte längst mit dem Arzt zurück sein können. — Ober schien cs dem Ungeduldigen nur so, in dessen Ohren die Schmerzcnschreie seiner Nichte gellten? Endlich erblickte er in der Ferne einen Wagen, kein Zweifel, der!mißte der Arzt bringen. Gott sei Dank! — Er schlich zur Thür des Krankcnzimmcrs, öffnete sic ein wenig und flüsterte seiner Frau zu, daß der Arzt sogleich da sein werde. Wenige Minuten darauf hielt der Wagen in der That vor dem Hanse, und der Arzt ward sofort zu der Kranken geführt. Es war der.langjährige Hausarzt der Familie. Frau Wolf theiltc ihm mit, was sie wußte und bat ihn, schleunigst wenigstens Linderung zu verschaffen, ihre Nichte leide unsäglich. (Fortsetzung folgt.)