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Jeschurun · 1887-11-24 · Heft 47 (24.11.1887) · p. 743

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 47 (24.11.1887)
Article
Bilder aus der Gegenwart
Date
1887-11-24
Page
743 (sequence 2)
Language
German
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743 ein l’cbcntcitbeS Löse gelb von mir zu erpressen. — Aber Erna konnten wir ihr von jeher ruhig anvertrauen — sie hat sie hoch als Kind aus ihren Armen getragen und genährt — ich hoffe, sie wird auch jetzt über ihre Sicherheit wachen. Glauben Sic das nicht auch'?" wandte er sich an Friedheim. ״Allerdings," erwiderte dieser, ״das Ganze wirb auf eine Erpressung abgesehen sein." Der alte Iankel stand daneben und schüttelte den Kopf. ״Gehen wir zur Polizei," drängte Adolf, indem er seine Hand auf den Arm seines zukünftigen SchwiegervatcrS legte. Dieser griff nach seinem Hute und beide schickten sich an, das Zimmer zu verlassen, als Necha ihnen in der geöffneten Thür entgegentrat. ״Ist Erna noch nicht gekommen?" rief sie, ״haben Sie noch keine Kunde von ihr?" Müller schüttelte verneinend den Kopf. ״Wir sind eben im Begriff, die Polizei anszusuchen." ״Warten Sie noch einen Augenblick," cntgegnete Necha hastig, indem sie vollends ins Zimmer trat, ״mir ist etwas cingesallem was möglicherweise auf die Spur der Entführer führen kann. — Bor mehreren Wochen, cS war noch vor Ernas Verlobung, während sie Sie zur Bahn begleitet hat, ist in ihr Zimmer ein prachtvoller Blumenstrauß gestellt worden, und in demselben fand sich ein Papierstreiscu mit einer Widmung an Erna, unterschrieben von ihrem wärmsten Verehrer." Adolfs bisher so bleiches Angesicht war dunkclroth geworden, drohend ballte er die Faust, während er nttvcrständlicho Worte murmelte. ״Von wem war der Strauß?" fragte Müller erregt. ״Das weiß ich nicht," versetzte Necha, ״Erna vermuthcte Anfangs in dem jungen Wols, der bei uns in! Geschäft war, den Spender; ich hielt das gleich nicht für wahrscheinlich, die prachtvollen Blumen zu jener Zeit müssen eine Masse Geld gekostet haben, das hätte der Wols nicht auSgegebcn, ohne sich zu neunen. Und als ich Erna später einen Geschäftsbrief zeigte, den Wolf geschrieben hatte, erklärte sie auch, die Widmung wäre von anderer Hand geschrieben." ״Herr Gott!" schrie Iankel Plötzlich, ״jetzt fällt mir'S erst ein, Sie haben Recht, Fräulein Necha, das gehört zusammen. Fräulein Erna ist sehr ärgerlich gewesen über die Blumen und hat sic zum Fenster hinaus aus die Gasse geworfen, und Jeden im HauS hat sie gefragt, wer die Blumen in ihr Zimmer gestellt hat, aber Keiner hat cs gewußt. Und gerade während das Fräulein an der Bahn gewesen war, ist die Kati gekommen, um sie zu besuchen. Daß sic in das Zimmcr gegangen ist, habe ich uichl gesehen — sie hat gesagt, sie wäre nur in der Küche gewesen und hätte die Blumen nicht einmal gesehen. Aber schwören möchte ich darauf, daß sic selbst sie gebracht und in deS Fräuleins Zimmer gestellt hat." Die Männer sahen einander betroffen au, ein Aechzcn entrang sich WotlncrS Brust, während Müller auf einen Moment das Antlitz in den Händen barg — doch mir auf einen Moni ent. ״Gehen wir," sprach er leise, und verließ mit Ernas Verlobten das Zimmer und gleich darauf das Haus, man Höne ihren raschen Schritt in der zu dieser Zeit verödeten Straße. Friedheim zog den Arm seiner Tochter in den seinen und machte sich mit ihr auf den Heimweg, indem er sich unablässig bemühte, das heftig erregte Mädchen zu beruhigen. ״Aber werden sie denn zn dieser Zeit einen höheren. Polizcibeamtcn treffen," fragte sie ängstlich. ״Dafür lasse Du Müller sorgen," cntgegnete ihr Vater. ״Müller ist mit dem Stadthauptmann befreundet und auch außerdem wird er Mittel und Wege finden, daß die Nachforschungen nach seiner Tochter sofort begonnen werden. Friedheim hatte Recht; trotz der vorgerückten Stunde wurden sofort nach allen Richtungen der Windrose Agenten anSgeschickt und Alle erhielten die Weisung, noch im Lause der Nacht das Resultat ihrer Nachforschung jedenfalls Mütter mitzntheilcn, crsorderlichen Falls jedoch auch den höheren Polizeibcamten davon in Kcnntinß zu setzen. Ernas Vater und ihr Verlobter waren heimgekehrt, in des crstcrcn Wohnung. Adolf dachte nicht daran, sein Zimmer bei Friedheim anfzusuchcn, als verstünde cS sich von selbst, war er mit Mütter nach Hause gegangen, und auch Müller kam es nicht in den Sinn, sich niederznlegcn. In. dumpfen Brüten versunken saß er an! Tische, den Kops mit beiden Händen gestützt, während Adolf rastlos im Zimmer auf und nieder rannte. Erna! Erna! — wo mochte sie sein? — Wenn er sich all das vergegenwärtigte, was sie treffen konnte — er glaubte wahnsinnig werden zu müssen — Aechzcn und Seufzer entrangen sich seiner Brnst. Mütter hatte die Lippen fest aufeinander gepreßt und drückte beide Hände gegen den Kops. ״O. diese Blumen! — diese Blumen!" murmelte er endlich. Adolf blieb vor ihm stehen und blickte ihn fragend an. ״Was meinen Sie?" fragte er gepreßt. ״Die Blumen," cntgegnete Müller, ״die Blumen, deren Necha erwähnte — wären die nicht, ich würde trotz Allem nicht für Erna fürchten, — die Kati —" ״Ich begreife nicht, daß Sie noch immer jener elenden Person vertrauen möchten," erwiderte Adolf erregt.

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