Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1887)
- Article
- Plaudereien aus der Schule
- Date
- 1887-11-17
- Page
- 724 (sequence 2)
- Language
- German
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724 waS eS vortragt, das Bekcnntniß seines Glaubens? Wenn man einen Glauben lehren, wenn mau Wahrheit in die Köpfe wie Geld in den Sack streichen könnte, dann wohl, aber das kann man nicht. Dazu kommt, daß die Gegenstände dieser Glaubens- '! lehre: Gott, seine Einzigkeit, Ewigkeit, kurz die schwierigstcn Probleme und Näthscl des menschlichen Denkens behandeln, die den vollendetsten Denkern ewig verhüllt bleiben und die nun dem Kinde als Gegenstand des Glaubens ausgepfropf^ und eingetrichtcrt werden sollen! — In dem Alter, in welchem die Kinder stehen, haben sic kein inneres Bedürfniß nach Kenntniß oder gar Bekenntniß dieser metaphysischen, trauSzedcntalen Dogmen. Dieses Bedürfniß kann in ihnen auch durch keine natürliche, innere, sondern höchstens durch künstliche, äußere Mittel erweckt werden. . Kinder hören und sprechen wohl gern von Gott, dem Geber alles Guten n. dgl., aber für diese abstrakten Snbtllitätm fehlt ihnen jedes Interesse und daher jedes Bedürfuiß und Verlangen, mit ihnen bekannt zu werden. Der Sinn der Kinder ist in diesem Alter aus das sie umgebende äußere Leben gerichtet. Wer dies bestreitet, kennt die Kinder nicht. Die Pädagogik lehrt nun, daß nur dasjenige Lehren fruchtet und daS Innere des Geistes und GcmütheS berührt und sich mit ihm assimilirt, dem ein erwachtes Vcdürfniß, ja eine Lust und Sehnsucht von innen entgegen kommt. Es verhält sich in dieser Hinsicht mir der Ernährung der Seele genau wie mit der Ernährung des Körpers. Nur die Speise ist dem Körper zuträglich, welche deu Hunger stillt. Der Hunger muß vorhanden sein. Fehlt derselbe, geht er nicht vorher, wird er nicht wenigstens durch die Speise gereizt und dadurch die VcrdammgSkrast zur Thätigkcit gcweckt, so Hilst die künstlichste Nahrung nichts, sie ernährt und stärkt den Leib ׳.׳sicht, sondern sic schadet, indem sie unverdaut in! Magen liegen bleibt und ihn gleich einem schweren Ballast lähmt, was, wenn das unvernünftige Verfahren fortgesetzt wird, soweit gehen kann, daß eS die BerdannngS- und damit die Lebenstraft vollständig vernichtet. Die Vorstellungen und Begrifse, die Wahrhrittn, in deren Besitz ein Lehrer seine Schüler wünscht, dürfen den Kindern nicht diktirt, nicht gelehrt, sondern müssen aus den dem Schüler vorgelegtcn Stoffen entwickelt werden, müssen also derart sein, daß sie das Kind ans sich entwickeln kann. DaS Gegcnthett, das Mitthcilen, Borsagen, Oktrohiren, Aufnöthigcn, Eintrichtcrn, macht die Neligion zu einem Gegenstand deS Auswendiglernens, macht diese Seele alles Unterrichts zur trockenen, geistlosen Mumie und bewirkt, daß die Religion, die auf so unpsychologische, unmögliche Weise bcigcbracht wurde,! niemals auf das Gemüth wirkt, sondern stetetwas AcußerlicheS bleibt. Diese Lehnvcise könnte schon allein den trostlosen, religiösen Verfall erklären, der sich nun seit zwei Gcncrationen immer nachhaltiger vollzieht. Und doch giebt eS eine ganz erschreckende Zahl von Lehrern, welche diese wichtige, fundamentale Regel der ErziehnngSkunst nicht begreifen, geschweige denn befolgen: Man darf den Kindern nichts vorsagen! Man darf ihnen nicht vordeklamircn, was für Gefühle sie bei diesem oder jenem Gegenstand haben müßten, denn Gefühle und Gesinnungen lassen sich eben nicht kommandiren. Keine Erklärungen und keine Definitionen! DaS Nichtthun muß soweit gehen, die Virtuosität deS wirklich pädagogisch gebildeten Lehrers muß eS so weit bringen, daß er nicht erst zu sagen hat, das ist gut und das ist schlecht. Auf dem Unterricht, der die Kinder das nicht von selbst empfinden läßt, ruht der Fluch, ruht der Tod. Fluchlehrer nennt die Lehrer dieser Art Jean Paul, dieser tiefe Kenner der Menschen-und besonders der Kindcrsec-e: ״Das bedenkt ihr nicht, ihr Flnchlchrer, die ihr den Kindern den Trank'srüher gebet als den Durst die ihr, wie einige Blumisten, in den gespaltenen Stengel der Blumen fertige Lackfarben und in ihren Kelch fvemben Bisam legt, anstatt ihnen bloS Morgensonne und Blumenerde zu geben." WaS würden wir über die Ehinescn urtheilcn, wenn wir von ihnen hörten, daß sie die Gewohnheit hätten, ihren Kindern Antworten über die höchsten Probleme menschlichen Denkens vorznsagcn und dm Wortlaltt derselben in ihr Gcdächtniß nieder zniegen? WaS würden wir von einem Rechenlehrer sagen, der seinen Schülern die Lösung der Rechenaufgaben in die Hand giebt. statt sic dieselbe suchen und finden zu lassen? Und einem NcligionSlchrer soll gestattet sein, was bei dem Rechenlehrer doch geradezu widersinnig wäre? Was man nach didaktischen Grundsätzen überall im Elemciltarnnterricht verwirft, daS findet man auf dem Gebiete des Religionsunterrichts ganz selbstverständlich. Wenn hcutzlitage ein Lehrer die Schulen mit einem System, sei cS mit einen! grammatischen, oder historischen, oder naturkundlichen, z. B. in der Mineralogie mit den! Werner'schcn, in der Botanik nut dem Linne'fchcn, in der Zoologie mit dem Cu viersch"! belasten wollte, so würde man ihl! zurückweiscn, denn in die Elementarschule gehört kein System, am allerwenigsten darf man damit anfangcn. Es paßt nur für den, der eS selbstständig aus den Thatsachen entwickeln kann, paßt nur für die Wissenschaft, gehört nur an das Ende wissenschaftlicher Untersuchung und ergiebt sich dann von selbst, und wenn eS das nicht!Hut, so taugt cs nichts, weil eS nicht in den