Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1887)
- Article
- Zum Wiederbeginn der Thora
- Date
- 1887-11-17
- Page
- 723 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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723 verbotenen Speisen freilich nicht unsere leibliche Gesundhcit gefährdet, wohl aber der Körper in seiner Gefügigkeit als Werkzeug des Geistes geschädigt, die von uns in höherem Grade geforderte Sclbstbeherrschung erschwert, die zum Dienen bestmmte Sinnlichkeit mehr anfgcstachelt werde, als für unseren Priesterberuf zulässig, daß in unserm Wesen mächtig aufstrebend werde, was nur beherrscht und maßvoll zur Bcthätigung kommen soll, und daß wir stumpf und unempfänglich werden und die Frische und BegeisterungSfähigkeit verlieren für die höheren idealen Aufgaben und Ziele unseres McnschhcitspricsterberufcS, als Träger der ewigen göttlichen Wahrheiten im Kreise der Menschheit. Ganz so, wie ja auch dem Priesterstamn! inmitten des jüdischen Volkes für seine besondere Bestimmung besonderte nmschränkcndc Gesetze gegeben sind. Wir glauben, diese-flüchtigen Bctrachtnngen nicht schließen zu sollen, ohne auf eine sich von selbst ergebende Thatsache hinzuweisen, die nicht ohne ein gewisscs eigcnthümlichcS Interesse sein dürfte. Nach den obigen Ausführungen sind wir nämlich vollständig bercchtigt, es als wissenschaftlich erhärtete Thatsache ausznsprechen: Wenn es eine Wahrheit ist, daß so unverhältnißmäßig viele Sprößlinge des alten jüdischen Stammes, die freilich mit der ״jüdischen Religion", jedenfalls aber mit dem ״Nitnalgcsetze" längst und gründlich gebrochen haben, eine hervorragende Stellung einnehmen auf den Gebieten der Knust und der Wissenschajt, daß sic als Künstler cs verstehen, hinabzutauchen in die tiefsten Tiefen der Empfindung und die Gemüther zu ergreifen, zu erschüttern, Hinzureißen, sei cö im Reiche der Töne, sei cs auf dem Gebiete der darstellenden Kunst, daß sie eS verstehen, die Harmonien zu wecken in der Brust der Menschen und das Ncimnenschliche den Menschen ciitgcgciiziistrahlm; — wenn so viele Männer jüdischer Abstammung auf dem Gebiete der Wissenschaft und des öffentlichen Lebens hervorlencht.cn durch die Klarheit ihres Denkens, die Schärsc ihrer Dialektik, die Feinsühligkeit ihres ästhestischcn Sinnes, die Genialität ihrer Begabung, das Feuer und die Mannhaftigkeit ihres Eintretens für das, was ihnen als Sache der Wahrheit und des Rechts und der Humanität erscheint; hervorlcuchtcn endlich durch ihr lebendiges und Ihatkräftiges Interesse an allen geistigen und sozialen Fortschritten: so verdanken alle diese Künstler und Gelehrten, alle diese Größen in Staat und Gesellschaft ihre hervorragcnde Befähigung in erster Linie — eben jenen von ihnen belächelten Spe iscgcsetz en, sie verdanken sie der Gewissenhaftigkeit und Gottesfurcht der von ihnen ob ihrer Naivität belächelten Ahnen, sie verdanken sie der Frömniigkeit der ganzen bis auf die Höhe׳ der Jahrtausende hmaufrcichcnden Reihe von Generationen, die die geistig-sittlichen Errungenschaften von Geschlecht zu Geschlecht wahrten, mehrten und ver״ erbten. Sie — zehren lediglich von einem vererbten Kapitale, das sie — nicht mehren und, wenigstens in dem ererbten Umfange, sicherlich ihrerscitS nicht vererben — Uns aber, die wir diese wie alle anderen Gottcsgcsetze als thencrstcS Vätererbe hoch und heilig halten, uns liegt um so ernster die Verpflichtung ob, mit ängstlicher Sorgfältigkeit über uns zu wachen, vor Allem aber unsere Kinder zu solchen Menschen zu erziehen, daß in nicht ferner Zukunft endlich jenes Geschlecht heranblühe, in welchem das Neiumenschliche sich zu so herrlicher Vollendung entfaltet und auf dem dann auch der Gottcsscgen so sichtbar herrlich ruhet, daß auch in den Nachkommen unserer in die Irre gegangenen Brüder wie in der Gesamnttmcnschheit die Sehnsucht nach jenem Boden erwache, auf welchem an dem Lebcnsbaumc der Menschheit so herrliche Früchte reifen. Direktor D1\ H irsch. Miidmiklt aus der Schute. Von Bezirksrabbmer Or. Ehrmaua tu Baden (Schweiz). III. Unsere systematischen Rcligionöbücher fangen unisono damit an, womit man sonst vernünftigerweise aushört: mit der Glaubenslehre, dem Glaubensbckcnntniß. Das haben unsere ״mosaischen" KatechiSmen getreulich ihren christlichen Vorbildern abgesehen. Was erleuchtete, pädagogisch gebildete, christlichc Männer gegen das Unvernünftige und Widernatürliche dieses Verfahrens geeifert haben, gilt der jüdischen Nachahmung in noch viel höherem Grade. Kann man einen Glauben lehren? Kann man einen Menschen und zwar einen unmündigen Menschen, ein Kind, lehren, was eS glauben soll? Glauben heißt: etwas für wahr halten. Wer etwas für wahr halten soll, muß den Gegenstand von allen Seilen erforscht haben, muß die Gründe, die für und wider ihn sprechen, selbstständig untersuchen können, der Glaube ist dann die Folge, daS Resultat dieser Untersuchung, und das GlaubenSbckenntniß ist ihr. letztes Ziel, mit ihm säugt man nicht an, sondern endigt damit. — Wenn man nun aber verkehrter Weise doch damit anfängt, wenn man dem Kinde in der NeligionSstunde diktirt, der erste Glaubenssatz lehrt dieses, die zweite und dritte Glaubenslehre lehrt, daß man Jenes glauben müsse, und das Kind schreibt nach, lcrnt'S auswendig, trägt's vor, kann alle Glaubensartikel der Reihe nach oordeklamiren, hat es dann einen Glauben? Ist das,