Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1887)
- Article
- Plaudereien aus der Schule
- Date
- 1887-11-10
- Page
- 709 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2932754-2932755-2932799-2937273--26464-2937314- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
709 Religion erfunden wurde, hat jener Rückgang der | wahren Religiosität begonnen, der heute so wcitschichtigc j Dimensionen angenommen hat, daß eS seinen eigenen Erzeugern davor graut und sie auf den Gedanken verfallen ließ, die Irreligiosität durch ihre Großmutter, durch Religion zu vertreiben. Um das Hohle, Unzulängliche, Unbeholfene dieser ״Religion" und ihres Unterrichts zu veranschaulichen, muß man einen Blick auf ihre Entstehung werfen. Als in den ersten Dezennien dieses Jahrhunderts die französischen Ideen und Waffen Deutschland erobertcn, gelangten auch die deutschen Juden zur Anerkcnnung ihrer Jahrhunderte lang verkümmerten Menschenrechte. Als dann nach wenigen Jahren die Eroberer wieder zurückgcworsen wurden, drohte auch den Juden die Gefahr, wieder der alten Schmach überantwortet zu werden, und in vielen deutschen Staaten wurde die Drohung in der That verwirklicht. Jede Spur des Franzosenthums suchte man in jener Zeit auSzumcrzcn, und da die Besserstellung der Juden eine der am meisten in die Augen fallende Hinterlassenschaft des französischen Regimes war, vereinigte nsich der alte Judenhaß und der neu belebte Patriotismus, um den Juden wieder die alten Fesseln anznlegcn. Alles nicht im Namen des Judensondern des Franzoscnhasscs, und der damals üppig blühenden Dcutschthümelei. Die Inden ließen deshalb keine Gelegenheit vornbcrgchcn, ohne ostentativ zu zeigen, daß sie Deutsche seien, deutsch fühlten, deutsch handelten. Selbst die lächerlichsten Auswüchse, die tollsten Blüthcn, welche die damalige Deutschthümclci trieb, machten die sogenannten Gcdilbeten wenigstens mit. — Bon Frankreich war Ende des vorigen und zu Anfang des gegenwärtigen Jahr- Hunderts die Geringschätzung des religiösen Moments, ja die vollständige Verachtung alles positiv Religiösen auSgcgangcn, nach der Vertreibung der Franzosen aus Deutschland trat dann mit der politischen auch die religiöse Reaktion ein. Die Andächtelei und die strenge Kirchlichkeit kam in Mode. Da fingen die ״gebildeten" Israeliten an, sich zu schämen, daß ihr altes Judenthum für Muckerthum und Pietismus nun einmal keinen Raum hatte, und sie daher so religionslos erscheinen ließ. Sic mußten aber ihren deutschen christlichen Mitbürgern doch zeigen, daß sic auch aus diesem Gebiete ihnen ebenbürtig waren; da bewährte die Roth ihre erfinderische Kraft und erfand eine neue Religion, die mosaische, israelitische, systematische. Ein Zeuge, der wie Grätz selber, auf dem Boden des Reformjudcuthums steht, besten Klassizität daher für diese Partei wohl nicht angezweifelt wird, äußert sich in! XI. Bande seiner ״Geschichte der Juden" über die Verkündcr und offizielle Vertretung dieser neuen Modereligion in folgender Weise: ״Sie hat lief eingreifende Jrrthümer verbreitet, indem sic das In den; Ham zur Theologie, d. h. zu einer Kirchen- und Dogmenreligion gemacht, und dessen Vertreter, die Rabbiner! und Träger der Lehre, zu Geistlichen und Pfarrern gestempelt hat. Dadurch hat diese Richtung daS Jndenthun! ein׳ geengt und das, was Jahrtausende überragte, in den Kreis der Erscheinungen von gestern herabgezogen. In großer Hast hat sie die kaum kalt gewordene Gedankenarbeit sofort ins Leben einführen, oder, wie die Formel lautete, die ״Lehre mit dem Leben auSglcichen" wollen, die Lehre, die noch nicht begriffen war, dem Leben, d. h. den Anfordcruugcn der Bequemlichkeit, der bürgerlichen Gleichstellung zum Opfer zu bringen. Die Wissensrhaft war ihr nicht Selbstzweck, sondern Mittcl, um das Iudcn11)!1 nt von dein Inhalte zu entleeren, der seine Eigenart ausmacht und cs zu etwas Nagelneuem um zu formen. Sie hat der 'Willkür den Schein der Nothwcndigkeit und der wissenschaftlichen Bercchtignng verleihen wollen." — — — Zu seinen Tempeln, Orgeln, Predigten, gemischten Chören und Konfirmationen mußte das neue Evangclium auch seinen Katechismus haben So entstanden die Rcligionsbncher, die sofort nach Jnaugurirung der neuen Aera ivic Pilze aus dem Boden schossen. Weß Geistes Kinder dieselben sonst ausschließlich sind, kann Derjenige, welcher die Zeit, die Verhältnisse und die Tanfpathen kennt, die ihnen Gevatter gestanden, leicht ermessen, ohne einen Blick in dieselben zu Wersen. Die neue Religion war jetzt kodisizirt und hielt ihren Einzug in die Schulen, ins Leben. Von der d o g m a t i ן ch c!1 Berirrnng, welche diese Ncligionsbücher bis ans wenige Ausnahmen repräscntircn, so!! hier nicht gesprochen werden. Wenn ihre Autoren, die auch gleichzeitig die Bannerträger der jungen Religion waren, das Jndcnthnm — wie ihr eigener Historiograph bezeugt — seines eigenartigen Inhalts entleeren und cS zu etwas Nagelneuem um׳ formen wollten, so konnten sic hier, wo es sich um Pvpularisirung ihrer Wissenschaft durch Einführung von Katechismen handelte, nicht anders verfahren, ohne 'sich selber Lügen 311 strafen. Nicht das unerhörte Attentat gegen das alte, überlieferte, einzige Jndcnthnm, welches die bloße Existenz dieser Religion und ihrer Lehrbücher involvirt, soll uns hier beschäftigen, sondern das Verkehrte, Verfehlte. Naturwidrige, das diesen! ganzen System von rein pädagogischem Standpunkt anhaftet. — Wenn man den Verfassern dieser Lehrbücher und Leitfäden, als sie vor 50 —(10 Jahren tu die Ocfsentlichkeit traten, den Nachweis klipp und klar erbracht hätte, daß ihre