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Jeschurun · 1887-11-03 · Heft 44 (3.11.1887) · p. 698

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 44 (3.11.1887)
Article
Wucherische Ausbeutung des Landmanna
Date
1887-11-03
Page
698 (sequence 2)
Language
German
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698 wörtchen wahr ijt, iut'0 bu6 ״uü bcm ganzen Gemälde, welches die antisemitische Phantasie in diesem Berichte von dem Treiben dcS ״Inden" entworfen hat, kein Zug der Wirklichkeit entspricht. Wer soll hier getauscht werden? Es giebt Leinen vernünftigen Menschen, der sich das Märchen non dem dummen tölpelhaften Landvoll cinreden läßt, das so bornirt sein soll, sich seit 100 Jahren non den! spitzbübischem ,,Handelsjuden" so unbewußt unausgesetzt ausbenten zu lassen, daß es noch heute in die Redlichkeit und Treue dieses Handelsjubelt das un beding teste Vertrauen setzt. Weniger offen tritt die antisemitische Gesinnung in dem Berichte hervor, welchen 1)1-. Faßbender in \ Münster über das Vorkommen des Wuchers auf dem Lande im Bereiche der Provinz Westfalen erstattet. In dcntselben wird ebenfalls konstatirt, daß eine wirtlich zuverlässige Statistik des Wuchers nicht geschafft werden konnte. Der Bericht stütze sich auf Mitthcilungen von Privatpersonen und wird deshalb als zuverlässig kaum anpisehen sein, weil er selbstverständlich aus einseitigen, subjektiven Meinungen und Anschauungen beruht. Wenn der Referent') sich dahin ansspricht, ״daß fast iinmer der Wucher dort häufiger und in größeren Formen uuftritt, wo die Bevölkerung einen größeren Prozentsatz Juden in ihrer Autle zählt, — mit welcher Bemcrkung keineswegs dem einzelnen Inden zu nahe getreten, auch durchaus nicht das Vorkommen christlicher Wucherer in Abrede gestellt werden - soll", so dürste doch wohl die Frage nahe liegen, was denn I)!׳. Faßbender mit diesem Satze eigentlich hat ausdrückm wollen. Es kann hiermit nichts Anderes gesagt sein als: Es' ift allerdings nicht konstatirt, daß der Wucher ansfchlicß-!ich von Inden betrieben wird, ja cs muß zugestaudcn werden, daß eS auch christliche Wucherer giebt; ich will den Juden auch nicht zu nahe ■treten, aber gleichwohl den Glauben erwecken, daß die meisten Wucherer Juden sein. Neuer dem Wucher ans dem Lande in der Provinz Hannover führt der Verein für Sozialpolitik .zunächst einen Artikel der hannoverschen land- und sorstwirthfchaftlichen Zeitung an. Da ihm anscheinend diese Ausführungen nicht das erhoffte Resultat darbieten, so fügt er noch den Bericht hinzu, welcher ihn׳, von einem Amtsrichter auS dem Regierungsbezirk Hannover zngcgangcn ift. Dieser Bericht ift kurz und schneidig und setzt männiglich in Erstaunen, woher ein einfacher Amtsrichter eine so genaue und umfassende Kenntnis; der Verhältnisse einer ganzen Provinz hat erlangen können, um schlankweg .zu behaupten,״ (׳der Wucher wird hier zu Lande wesentlich von Inden ausgcführt." Als Beleg für diese kühne Behauptung weiß er nichts ') Seite 230. -) Seite 248. Anderes anzuführcn: ״Einer ist als Halsabschneider männiglich bekannt, Andere stehen im nicht unbcgrnnbeten Verdachte; mir ein verdächtiger Christ ist mir bekannt geworden." Das ist doch wahrhaftig eine starke Leistung! Korrcspondcuzcil mtb NlNhüllM. Deutschland. -a- Berlin, 30. Oktober. Man kann sich keine Idee davon machen, ein wie geplagter Mann der ächte, wahre Antisemit ift. Da giebt cs weder Ruhen noch Rasten. Mit dem Gedanken att die bösen Inden steht er ans, mit demselben Gedanken legt er sich Abends nieder. Zn Hause und draußen, in der Arbeit und Ruhe — immer beschäftigt es ihn, wie dem Juden eins zu versetzen sei. Der ächte Antisemit benutzt auch die Ferien, die sonst der Erholung gewidmet sind, neue Studien aus seinem Gebiete zu lirachen. So hat denn auch ein Mitarbeiter der ״Reuen Preußischen ■(Kreuz-) Zeitung" seine Ferienreise nach Holland eifrig dazu benutzt, sein Wissen auf dem Gebiete des Antisemitismus zu bereichern. Man sollte glauben, der Anblick eines Juden müßte einen Antisemiten von reinstem Wasser ans Rand und Band bringen — es scheint aber das Gegeutheil der Fall zu sein. Obwohl, nne derselbe in der heutigen Sonntaglbeilage zur ״Reuen Preußischen (Kreuz-) Zeitung" erzählt, in Schevcn'tngcn an Juden kein Mangel war, jo hat er doch eingestandenermaßen daselbst den Zweck seiner Reise ״um nach allen Anstrengungen des täglichen Lebens sich geistig und körperlich;1! erfrischen, vollständig erreicht." Der Antiscmitismus ift eben das Element, in welchem er sich so recht wohl fühlt, nud'nch glaube nicht zu viel zu sagen, wenn ich behaupte, daß ohne Juden das Leben für einen Antisemiten von achtem Schlage nichts ist. Uebrigens scheint der Herr Mitarbeiter der ״Kreuzzcitung" gerade kein sehr weit gereister Mann zu sein. Er beklagt sich über die Belästigung, die er von seiten dcS mosaischen Droschkenkutschers im Haag, der mosaischen Hausircr auf den Bahnhöfen und Straßen von Amsterdam und Rotterdam erfahren — als ob die arischen Droschkenkutscher, die arischen Hausircr weniger ausdringlich wären? — Ferner hat der verehrte Reisende doch ganz übersehen, daß es in Holland auch noch Juden giebt, die sich nicht mehr ans der Straße aufhaltcn. Auch in den Ke.nfektionSgcschaftcn und KomtoirS, ja auch — was anscheinend für den Herrn Korrespondenten etwas ganz Ungeheuerliches ist — in den Hörjälen der Akademie und ans den Richterbänken kann man in

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