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Jeschurun · 1887-11-03 · Heft 44 (3.11.1887) · p. 696

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 44 (3.11.1887)
Article
Bilder aus der Gegenwart
Date
1887-11-03
Page
696 (sequence 2)
Language
German
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696 frommste, geschcidtcste und!cl'giq'tc Mnnn itt der ganzen j Welt. Und er hat Tugend. Frömmigkeit, Klugheit : und Schönheit, und Liede für mich. Und schließlich , hat er mich selbst, und da sagst £11, er hätte nichts!" j Die Bäuerin lächelte, aber cs rag ein eigcnthüm-! licher Ausdruck in ihrem Lächeln. ״Wenn er Sic hatte, da hätte er jreilich viel, das ist ganz richtig. Aber Sic, Fräulein Erna, Sie könnten auch viel haben. Sie sind die Schönste im ganzen Lande, und die edel׳-- ften Herren, Grasen und Fürsten konnten Sie zu Füßen haben."' Erna warf verächtlich den Kops" zurück. ״Was Hütte ich davon?" ״Was Sie davon Hütten? — Sie sind doch kein Kind tuehr, Fräulein Erna! — Alles könnten Sic davon haben. Sie könnten einen von den großen Herren heirathen, könnten Gräfin werden —" ״Alte! Alte!" lachte Erna, ״wie viel Seidel Wein hast Du heute getrunken? — Das hätte ich Dir doch nicht zugelraut. — Aber nun wollen wir einmal vernnnstig mit einander reden. — Schau, ich habe Dich ganz gern und werde gleich Kasjec und Kuchen für Dich!}cnhibringcn lassen. Aber wenn Du noch ein Wort gegen meinen Adolf sprichst, dann rede ich nie im Leben ein Wort wieder mit Dir und gehe sogleich in ein anderes gimmer und lasse Dich hier mit dem alten Iankel allein." Die Bäuerin fuhr sich mit der Hand über die Stirn. ״Ich rede schon nichts mehr gegen ihn. — Herr Gott!" rief sic plötzlich, ,.ich vergesse ja ganz, um was mich der Istvan, der Tüzck Istvan gebeten hat. Sie wissen doch, Fräulein Erna, das ist der Mann von der armen Frau, bei der Sic gestern mit Ihrem Bräutigam gewesen sind." ״Daß der Tüzck Istvan heißt, habe ich nicht gewußt. Aber was ist'S mit ihm? wie geht es seiner Frau?" ״Schlecht," seufzte die Bäuerin, ״sehr schlecht. Sie ist schon versehen worden und sic kann jeden Augenblick sterben, wenn sie nicht vielleicht schon tobt ist. Aber vorhin, als ich bei ihr gewesen bin, da hat sic noch gelebt, und hat in Einem fort nach dem schönen Fräulein verlangt, das gestern bei ihr gewesen ist. Sic möchte sic noch einmal sehe:׳, und möchte sic bitten, das; sic auch ihren Kindern manches Mal was schenken möchte, dann könnte sic leichter sterben. Und ich habe dem Istvan versprochen, daß ich's Ihnen, Fräulein Erna, sagen wollte, und daß ich Sie bitten wollte, mit mir zu der Sterbenden zu kommen. Und jetzt bitte ich Sic gar schön, liebes Fräulein, kommen Sic mit mir. daß die Arme —״ ״Warum Haft Du das nicht gleich gesagt," rief Erna, ״wir hätten schon unterwegs sein können. Jetzt kommst ,Du um Deinen Kaffee, denn ich nehme mm meinen Hut und gehe sogleich zu der armen Frau. ׳Wenn Du willst, kann Du auch hier bleiben und Kaffee trinken, ich finde den Weg schon allein." ״Nein, nein, Fräulein," eutgcgncte die Bäuerin eifrig, ״allein dürfen Sic nicht gehen. Was würde der Herr Müller sagen und gar erst der Herr Bräutigam." ״Nun, wenn Du mit willst, so komm!" Erna hatte rasch einen Florentiner Sommerhut in die Stirn gedrückt und drängte nun die Bäuerin zur Eile. Der Gedanke, daß eine Sterbende nach ihr verlange, beflügelte ihre Schritte. ״Fankel," ries sie dem Hausknecht zu, den sie im Korridor traf, ״wenn Herr Wollner kommen sollte, bevor ich wieder zu Hause bin, so sage ihm, ich wäre zu den armen Leuten gegangen, bei denen wir gestern zusamnien waren, in dein vorletzten Häuschen auf der P.... straße." ״Aber wird daö dem Herrn Wollner recht sein, daß Sie allein dort hingehen, Fräulein Erna?" erlaubte sich der treue Alte cinzuwenden. ״Ich kann nicht ans Herrn Wollner warten," cntgegncte Erna eilfertig. ״Die Frau liegt im Sterben und verlangt nach mir." ״Wenn Sie befehlen, Fräulein Erna, so begleite ich Sie." ״Ist nicht nöthig, guter Atter," rief Erna, ״die Kati geht mit mir." Und eilig verließ sic daö HauS, die Bäuerin hatte Mühe, ihr;1! folgen. ,.Es ist ein weiter Weg bis zur P . .. . straße, Fräulein," sagte die Bäuerin, nachdem sie in die nächste Straße ciugebogcn waren, ״wenn'S Ihnen recht wäre, könnten wir einen Wagen nehmen, da kämen wir rascher hin." Erna war einverstanden, bald trafen sic eine leere Droschke, die Bäuerin winkle dem Nosscleuker, er hielt an. das junge Mädchen stieg ein, während ihre Begleiterin dem Kutscher inittheilte. wohin er zu fahren habe. Dann setzte sie sich Erna gegenüber. * Kaum eine halbe Stunde war verstrichen, feit Erna ihre Wohnung verlasst!?, als Wollner kam, um; sic zu besuchen. Herr Friedheim hatte ihn heute etwas früher sorlgchcn heißen und er freute sich nun im vorhinein, seine Braut zu überraschen. Jankcls Mitj theilung, daß Erna in Begleitung ihrer Amme sich in; eine entlegene Borstadt begeben hatte, berührte ihn äußerst unangenehm; raschen Schrittes :nachte er sich aus den Weg dorthin, in der Hofsining, ihr bald möglichst zu begegnen. (Fortsetzung folgt.)

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