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Jeschurun · 1887-11-03 · Heft 44 (3.11.1887) · p. 695

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 44 (3.11.1887)
Article
Bilder aus der Gegenwart
Date
1887-11-03
Page
695 (sequence 1)
Language
German
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695 Kldkk lttls der GkSkittvlttt. Lon Friedrich N oN. " " ' (Nvcht-ruck verboten.) (Fortsetzung.) Doch je naher Müller den fäufliojcii Gatten seiner Tochter kennen lernte, desto höher schätzte auch er ihn. Er hatte eS am liebsten gesehen, wenn derselbe sofort in sein Geschäft eingctretcn wäre, doch Friedheim mußte zuvor Ersatz für ihn haben, er konnte seinen tüchtigsten Arbeiter gegenwärtig um so weniger entbehren, als er sich veranlaßt gesehen hatte, den zuletzt eingetretenen jungen Mann wieder;u entlassen, doch bcmühte er sich eifrig, einen tüchtigen Komtoristcn als Ersatz zu finden, denn abgesehen davon, daß er sowohl seinem Freunde Müller, als auch dessen künsligen Schwiegersohn sich gern gefällig gezeigt hätte, erschien cS ihm auch um RechaS willcn erwünscht, den taglichcn Verkehr mit dem für sie unerreichbaren Gegenstand ihrer Neigung baldmöglichst anfzuhebcn. Im Augenblick konnte er ihn jedoch noch nicht entlassen, doch forderte er selbst ihn ans, wenn eS daö Geschäft erlaubte, sich etwas früher aus demselben zu entfernen, lnn früher zu seiner Braut zu kommen, in deren Gescllschaft er stets die Abende zu verbringen pflegte. Elftes Kapitel. Mehrere Wochen waren verstrichen, der Frühling war hcreingcbrochen mit all seiner Pracht. Erna wähnte ihn noch nie so herrlich erlebt zu haben. Nie hatten die Blumen so süß geduftet, nie halten die Vögel so lieblich gezwitschert, nie hatte die Luft sie so mild umfächelt. Und wenn sic dann gegen Abend am Arme ihres Verlobten durch die Straßen schritt, hinaus inS Freie zu gelangen, bann staunten die ihr Begegnenden ob ihrer strahlenden Schönheit, die in Wirklichkeit sich in nie geahntem Maße gesteigert hatte. Auch Wollncr hatte sich in den wenigen Wochen auffallend zu seinem Vorthcile geändert; er erschien reifer, niännlicher, ohne jedoch an Iugendfrische eingebüßt zu haben. DaS Bewußtsein, für die Geliebte zu leben, hatte sein ganzes Wesen gehoben, hatte seinem Anstrctcn eine Sicherheit verliehen, die in seinen Jahren nicht allzu oft getroffen wird. Eines Nachmittags, Erna befand sich allein, ihr Vater hatte geschäftlich eine kleine Neise nnternoinmen, beabsichtigte jedoch im Laufe des Abends heimzukehren, die Stunde, zu der sie den Verlobten erwartete, war noch nicht gekommen. Sie hatte ciue Stickerei in Händen, an der sie eifrig arbeitete, während ein glücklichcS Lächeln um ihre Lippen spielte. Hin und wieder betrachtete sie die Arbeit mit nahezu zärtlichen Blicken, als vergegenwärtige sie sich im vorhinein die Freude Desjenigen, für den sie bcfliutmt war. Plötzlich jprang sic auf, warf die Stickerei auf den Tisch und eilte an den Flügel; sie hatte sich eben erinnert, Adolf hatte TagS vorher ein Lied gesungen, das er als Kind von seiner Mutter hatte singen hören. DaS wollte sic einüben und ihn am Abend damit überraschen.' Prätudirend glitten ihre schlanken Finger über die Tasten und dann erhob sich ihre prächtige Altstimme voll und rein. Sie hatte das Lied nur ein einziges Mal gehört, aber sie halte cS mit dem Herzen erlauscht und darum sang sic eS jetzt so leicht und rein — ihre ganze Seele lag in dem Gesänge. — Wie würde er sich freuen, sein Lied aus׳ ihrem Munde zu vcruchmm. ״Wunderschön! herrlich!" rief cS plötzlich am Eingang des Zimmers. Unwillig wandte sich Erna um, doch gleich darauf sprang sie auf und eilte Derjenigen, die sie in ihrem Gesänge unterbrochen hatte, mit auSgcsttccktcr Hand entgegen. ״Kati! Du bisl's! — DaS ist schön, daß Du Dich wieder einmal scheu läßt, Du kommst gewiß, um mir zu meiner Verlobung zu gratnliren." Die Eingetrctcne, eine Frau in den Mittlern Iahreu, in Bancrnkracht, blickte mit einer gewissen zärtlichcn Bewunderung zu dem jungen Mädchen empor. ״Wie Sic schön geworden sind. Fräulein Erna, noch viel, viel schöner, als Sie gewesen sind, als ich das letzte Mal hier war." ״Das kommt, weil ich so glücklich bin, Kati,!veil ich einen so lieben, braven, herrlichen Bräutigam!)ade. Hast Du noch nicht davon gehört, Kati, daß ich verlobt bin?" .,Gehört habe ich das schon," erwiderte die Bäuerin, ״aber —" 1־1111?״, warum gratnlirst Du mir denn nicht?" ..״Weil ich'S nicht habe glauben wollen, was die Leute erzählt haben." ״Aber jetzt sage ich'S Dir selbst, jetzt kannst Du cS glauben." ״Aber ich möchte 'S lieber nicht glauben," sagte die Frau unwirsch, die Stirn in Falten ziehend. Erna lachte Hel! auf. ״Mein Vater hätte zuvor Dich zu Nathc ziehen sollen, wie? — Gut, daß er'S nicht gclhan, Du hüllest am Ende Deine Zustimmung verweigert." ״Gewiß Hütte ich das," erklärte die Bäuerin mit Bestimmtheit. Erna lachte noch herzlicher. ״Aber sage mir nur, was hast Du denn eigentlich gegen meinen Bräutigam?" ״Was ich gegen ihn habe? — Nichts weiter, als daß er nichts hat und nichts ist." ״Du böse, mwernüustige Kati! was sprichst Du da für Unsinn. Mein Adolf wäre nichts und hatte nichts? — Zch sage Dir, cr ist der beste, bravste,

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