Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1887)
- Article
- Plaudereien aus der Schule
- Date
- 1887-11-03
- Page
- 693 (sequence 3)
- Language
- German
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693 die jüdischen Tefilloth in deutsche Gebete, die alten Dcraschoth in wässerige, salbungsvolle Predigten um-- gewandelt. Das Indenthnm nannte man Religion, israelitische Religion, an die Stelle der Thora traten Neligionsbüchcr, die Mizwoth, in deren Erfüllung das jüdische Thatenleben zum Ausdruck kommt, nannte man Zeremonien und strich sic ans dem Leven, indem man sie zeitgemäß zngcspitzt in den Anhang der KatechiSmen wies, man erbaute, wo man sonst belehrte, man suhlte und schwärmte, wo man sonst dachte und handelte, und was wurde damit erreicht'? Das Sinken des religiösen Sinnes, dem nur die Lamentos seiner rathloscn Erzeuger gelten. Sie soll der gesunkene religiöse Sinn wieder gehoben werden? Durch RcligionSschulen? Durch dieselben RcligionSschulcn, die den ganzen Jammer großgezogcn haben, oder ihn doch nicht hintanhaltcn konnten? — Diese Frage wird Niemand bcjähen können, der sich je über den Antheil klar wurde, den gerade diese Schulen an dein religiösen Verfall haben, der sich in so erschreckender Weise vor unseren Augen vollzieht. (Fortsetzung folgt.) MlhttsllM Der Geist des Tnlrnnd. Qnettengeinäße Darstcllung der talmudischen Anschauung über Gott. Mensch, Staat re.- re. für die intclligenten Klassen aller Konfessionen, von M. Ehren theil. Budapest 1887. 240 S., gr. 8. Preis 3 4 Frank. Selbstverlag des Verfassers (Budapest, Dobler-Bazar). Schon viele, mitunter auch bewährte Taucher, haben Zeit und Kraft angewcndet, um aus den Tiefen des Talmudmeercs erhabene cthetische Sentenzen zu holen und znsammcnzutragcn. Doch sind in diesen Kollekrionen die Zitate oft unkorrekt translatirt, 1111׳ shsteinatisch zusammeiigesügt, oder so knapp ans den! Zilsaninienhangc gehoben, daß sie den rechten Sinn nicht geben, den Gedaukeninhalt und die innere Geisteskräftigkeit nur selten voll und ganz erkennen lassen. — Talmud kann nicht gelesen, sondern muß gelernt werden. Dies gilt nicht allein von schwierigen halachischen Materien und Themen, sondern אפילו שיהת הולי[ של ת״ה צריפי ן לימוד selbst die einfachsten Moral- und Siticnsprüche erheischen ein ticscs Eingehen, ernste Forschung. Wenngleich eine Ucbcrfctzung niemals dem Originale gleicht, doch der Geist desselben darf niemals entänßert werden; wo dieser entweicht, da vermag der strahlendste Sprachcnschmnck die GeistcSarmnth nicht zu decken. Die. uns bisher bekannt gewordenen Sammetwerke zeigen znm Theil nur sehr geringe Spuren einer solchen Sorgfalt, und lassen die bei solchem Unternehmen unerläßlichen Postnlatc: Vcrständnißinnigkcit, Begeisterung für den Gegenstand, Ueberzengungstreue und ziclbcwnßteS Streben nicht selten ganz vermissen. Nun denn, diese ארבעה עמודים sind die Pfeiler deS uns vorliegenden Buches. Der Raine des genannten Autors ist durch frühere trcsfliche und verdienstliche Publikationen*) auch außerhalb der Gauen seines Vaterlandes vortheilhaft bekannt. Das Buch trägt au der Stirne den ״Geist des Talmud" und ist von diesem auch durchweht und gctragen. In demselben gelangt die erhabene Ethik deS Talmud, wenngleich in möglichst conziser Fassung, recht klar und übersichtlich zur Darstellung, und bietet dieses Werk, welches ״für die intelligenten Klassen aller Konfessionen" bestimmt ist. ganz besonders in unserer Zeit, einen wahren Kidusch-Haschcm. Das Buch enthält 87 Kapitel und zeichnet sich aucb durch treffliche Gruppirung und präzise Quellenangabe vortheilhaft aus. Rach dem Aussprüche unserer Weisen: ת״ה כל זמן שמזקינין דעתן מתישבת עליהן potcnzirt sich auch hier das Interesse von Gruppe zu Gruppe. — Man braucht nur das 2. Kapitel: ״Der Mensch" und das 17. Kapitel: ״Die Todesstrafe" zu lesen und man wird dem gelehrten Verfasser die wohlverdiente Ancrleimung .;ollen. — Wir wollen hier einige kurze Auszüge rcprvduzircn. Seite 2:31 lesen wir eine kurze Erklärung: ״Der Verfasser vorliegenden Werkes ist .ein treuer Anhänger des Talmud-, ein ״Talmud-Jude", natürlich nicht in dem Sinne eines Rohling. Herr (I.) Stern (Herausgeber eines Heftchens: ״Lichtstrahlen ans dem Tälmnd") dagegen erklärt öffentlich,׳ nicht zu den talmndgläubigeu Juden z» gehören. Er bezeichnet die ganze rcligioiiSgl-setzlichc Seite des Talmud als eine verfehlte, als eine Trübung des reinen mosaischprophetischen IndenthumS. Und doch hat derselbe eigens eine Schrift publizirt, um die sittliche Lauterkeit der talmudischen Moral, des ethischen Gesammtgeistcs des Talmud nachzuwciscn. Dem Zeugnisse eines prononcirten Anti-T almud isrcn sollten wohl auch Gelehrte ü 1a Rohling und Stöcker vollen Glauben schenken. Uebrigens zwelseln wir keinen Augenblick, daß diese Herren, gleich uns, von der Erhabenheit der talmudischen Moral vollkommen überzeugt sind. Doch *) Von bnien wir Ijier bloö das 1881 er|djie11e«c und schon völlig vergriffene historisch׳biographische Werl ״I ü bischer F a m i l i e n b u ch" erwähnen wollen. Der Rezensent.