Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1887)
- Article
- Plaudereien aus der Schule
- Date
- 1887-11-03
- Page
- 692 (sequence 2)
- Language
- German
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692 Heining dieser hohen Tugenden nur das bekundet, was auch den Bekenner» aller monotheistischen Religionen eigen ist, ja, was auch der gebildete Verächter jeder Religion anstrcbt und erreicht. Daß diese hohen Ideale, deren Verwirklichung das Iudenlhum zn allererst ge׳ lehrt, heute Gemeingut aller Gebildeten auf weitem Erdenrund geworden sind, ist sicherlich einer seiner größten Triumphe. Dieser Triumph wird nicht becintrachtigt, er wird noch erhöht durch den Umstand, daß die nichtjüdische Welt die Prioritätsrechte des Iudcnthums in Abrede stellen möchte. Wie muß doch das Gute und Wahre, das dem Indenthum die nichtjüdische Welt verdankt, so dauernd tief in ihr wurzeln, und ihr theureS, unverlierbares Eigenthum geworden sein, wenn sie sich der Zeit schämt, in welcher sie dieser Errungenschaften noch bar war, und sic daher die Thatsache verschleiern möchte, daß dieses Wahre und Gute nicht aus ihrem eigenen Boden gewachsen, sondern aus einem andern Kreise zu ihr geleitet wurde'. Kommt diese Anerkennung, die man der Iudenhcit hartnäckig versagt, nicht dem Iudenthum zu Gute? Sie wird auch für die Jndcnheit nicht ansblcibcn, wenn uns auch noch harte, schwere Kämpfe von jener Zeit trennen, in der — wie Rabbi Iochannau sagt — Gott selbst jede Wahrheit, welche die Völker Jerusalem entlehnt haben, ans ihren Ursprung zurückführen wird. (Talmud Nosch Haschanah s. 23.) אכזר רבי יוחנן נל שיטה ושיטה שנטלו עכו״ם שירושלים עתיד הקדוש ברוך הוא לההזירן לה. Aber cs wäre doch arge Selbsttäuschung, in der Bewährung der Humanität, in treuer Erfüllung aller sozialen Pflichten, in dem Besitz dieser von allen Gebildeten gleich hoch geachteten Tugenden, Wesen nni) Kriterium der jüdischen Religion erblicken zu wollen! Ob Jemand jüdische Religion besitzt und sie zur Norm seines Lebens macht, also jüdisch-religiös ist. wird sich doch in allererster Reihe durch die Erfüllung der ausschließlich, dem Iudenthum gebotenen Gesetze am sichersteu bekunden. Wenn Jemand gvttcssnrchtig ist, seine Eltern ehrt, seine Mitmenschen liebt, jo kann er dies thnn, weil er jüdisch-religiös ist, er kann cs aber auch ebenso gut thnn, weil er christlich- oder mohamcdanischreligiös ist, oder weil, ohne Rücksicht ans irgend eine Religion, die eigene Einsicht ihm die Ucbnng dieser Tugenden empschlenswerth erscheinen läßt. Der Vater dagegen, der freudig sein zartes Kind durch Milah in den Abrahamsbnnd cinführt, der Jude, der an seinem Kleide Zizilh, am Arm und Haupt Tefillin trägt, sein Haus unter den Gottesschütz der Mesnsah, seinen Tisch unter das Diktat der jüdischen Spciscgesctzc, sein Geschäst unter das Regime der Sabbath- und Nibbirhgesctze stellt, der Jude hat durch sein Thun und Lassen unzweideutig bekundet, daß er Religion, und zwar jüdische Religion hat, daß er jüdisch-religiös ist. — Die jüdische Religionsschuw, der cs gelingt, ihre Schüler zu der gewissenhaften Erfüllung von Thora und Mizwoth zu begeistern, hat Religion, jüdische Religion gefördert. Diese Voraussetzungen sind so wahr und klar, daß schon eine große Dosis Begriffsverwirrung dazu gehört, sic zu bestreiten. ׳Run, die erste, älteste Religionsschnle Deutschlands bejinbet sich in Magdc - bnrg; hier hätte man also den Ursitz der jüdischen Religion nicht nur zu suchen, sondern auch zu sinden, wenn es der jüdischen Religionsschnle in der Thal gelaugen ist, das ,;u erreichen, was sie zu erstreben durch ihren Namen vorgiebt. Ich kenne die religiösen Zustände dieser Gemeinde nicht und auch lein einziges ihrer Mitglieder. Die Berwcrlhung der dortigen Verhältnisse für das vorliegende Thema mnß daher Denjenigen überlassen bleiben, welchen Magdeburg als ältester Stammsitz der jüdischen Religion in Deutschland ans eigener Anschanung bekannt ist. Dagegen kenne ich eine ganz beträchtliche Anzahl von Gemeinden, die sich kaum minder langer Zeit des Besitzes von Religionsschulen erfreuen, in denen man aber erschreckend wenig von Religion, jüdischer Neligion vorsiudet. Die Rabbiner und Lehrer derselben gehören zwar Gemeinden und Verbänden au, welche Religion durch Religionsunterricht in ihrer Provinz, in ganz Deutschland zu verbreiten suchen. Daraus könnte mau schließen, in ihrem eigenen nächsten Wirlungslreis sei der Weinberg des Herrn jo trefflich bcstellt, daß die Zorge um die Religion in der heimischen Gemeinde für die Herren Religionsvcrbreitcr kein Gegenstand der Sorge mehr zu sein brauche. Wie reichlich müssen doch die Quellen der Religion in den Kreisen Derjenigen stießen., die mit solchem Eifer bestrebt sind, die Religion weiter zu — ocrbreiten! So sollte man glauben; in Wirklichkeit ist aber das gerade Gcgentheil der Fall. Die Schüler und Schülerinnen, welche einst ans den Religionsschnlen dieser Gemeinden hervorgegangen sind, und heute ihre Mitglieder, Borsicher und Leiter bilden, mögen ganz brave Leute, gute llnterthancn des Staates und wackere Bürger der Kommune sein, religiöse Inden und Jüdinnen sind sie ihrer großen Mehrzahl nach nicht, und selbst der Eharakter des Gemeinwesens an und für sich, wie er sich nach außen rcpräsentirt, erscheint getrübt und vielfach fletrirt. Hand in Hand mit der Ausbreitung der Religionsschnle vollzog sich ja gerade der religiöse Verfall im Gemeindennb Privatleben. Im Namen derselben Religion, welche man in den Rcligiollsschulen lehrte, wurden die jüdischen Shnagogen in moderne Tempel,