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Jeschurun · 1887-10-27 · Heft 43 (27.10.1887) · p. 680

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 43 (27.10.1887)
Article
Bilder aus der Gegenwart
Date
1887-10-27
Page
680 (sequence 3)
Language
German
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680 umfangend, streichelte er liebkosend ihre lilienbleichen Wangen. ״Diese Neuigkeit hat Dich allzu sehr überrascht. liebcS Kind, — ich hätte es mir denken können —. Erna ist Deine beste Freundin, Du nimmst den wärmsten Antheil an ihrem Glücke." ״Gewiß — gewiß," stammelte Necha, nach Fassung ringend. ״Nimm Dich zusammen, liebes Kind, — sie werden sofort hier sein. — Sei mein starkes Mädchen." Er hatte diese Worte kaum gesprochen, als ein leises Klopfen an der Thür hörbar ward, gleich darauf trat Adolf Wollncr mit seiner Braut am Arme in daS Zimmer. Necha stieß einen Schrei aus und stürzte ihrer Freundin mit ausgebrciteten Armen entgegen und barg ihr bleiches, zuckendes Angesicht an Ernas Halse, während Wollner zuerst Herrn Fricdhcim die Hand reichte und dann zu dessen Frau trat, um sich, wie er sagte, ihre Gratulation zu holen. Sie sprach sie in wenigen, aber herzlichen Worten aus, dann wandte er sich an Necha. ״Nun, Fräulein, muß ich noch um Ihre Glückwünsche bitten." ״Die haben Sie bereits erhalten," entgegncte sie, während ein nervöses Lächeln um ihre Lippen zuckte, wa6 ich Erna wünsche, gilt doch jetzt Ihnen mit." Er verneigte sich dankend. ״Hal'S Dich sehr überrascht?" fragte Erna mit glücklichem Lächeln. ״Im ersten Moment allerdings. Dann aber habe ich mich au unsere Unterhaltung von gestern vor vierzehn Tagen erinnert, und —" sic flüsterte Erna einige Worte ins Ohr. Diese legte lachend ihre schmale Hand ans Rcchas Lippen. ״St! St! das darf er nicht hören." ״Wer darf's nicht hören?" fragte Adolf, näher tretend. ״Alle Menschen dürfen es hören, nur Du nicht," entgegncte sie, noch herzlicher lachend. Doch das Brautpaar konnte nicht lange verweilen, Herr Müller hatte den Wunsch geäußert, Adolf möchte noch vor den: Abendgoltcsdieust seine Braut nach Hanse führen, sie mußten sich daher sehr bald empfehlen. Herr Fricdhcim und seine Tochter geleiteten sic bis zur Hausthür. Diese hatte sich jedoch kaum hinter dm sich Entfernenden geschlossen, als Necha ohnmächtig zusammenbrach. Ihr Vater hob sie vorsichtig in seinen Armen, drückte einen innigen Kuß auf ihre bleiche kalte Stirn, dann trug er sie in das Ziuuncr zu ihrer Mutter und bettete sie dort auf das Kanapee. ' ״Fürchte nichts," flüsterte er der Erschreckten zu, ״das hat mit Gottes Hülse nichts zu sagen; es ist die naturgemäße Folge der heftigen Erregung und der übergroßen, staunenSwerthen Selbstbeherrschung. — Ich versichere Dich —" ״Sie regt sich — sie kvmint zu sich." DaS geistesstarke Mädchen hatte in der That den momentanen Anfall von Schwäche sehr bald überwunden, und als kaum eine halbe Stunde später die jungen Leute ans der Synagoge heimkanicn, war in ihrem Aeußern keine Spur von Aufregung mehr sichtbar. Dem Auge der Mutter erschien sie zwar etwas bleicher als gewöhnlich, doch daS war durchaus nicht auffallend, sie plauderte anscheinend so munter mit den jungen Leuten, gratulirte ihnen zu dem Glücke ihres Kollegen und forderte sie auf, cS ihm bald nachzuniachen. ״Möchte 'S wohl," entgegncte Wittmann lachend, ״aber so etwas kann nicht ein Jeder, der Wollner ist ein auffallend schöner Mann." ״Und hat ein aalglattes .Benehmen,", fügte Wols hinzu. ״Sie vergessen die Hauptsache, meine jungen Herren," siel Fricdhcim ein, ״WollncrS gediegenen Charaktcr und seine innige aufrichtige Ncligiösuat." Necha wandte sich hastig weg, die Mutter gewahrte, wie das Blut ihr plötzlich in die Wangen stieg, doch nur auf einen Moineut, dann erschien sie noch bleicher als vorhin. Doch sie hielt sich dem ganzen Abend unbefangen und anscheinend heiter, nur die Eltern ahnten, welch übergroße Anstrengung sie dieses kosten mußte. ' In der Stille der Nacht jedoch, als die ängstlich besorgte Mutter zu dem Zimmer ihrer Tochter schlich und lauschend das Ohr an eine Thürspalte lehnte, da vernahm sie ein halbuntcrdrückteS Schluchzen. Die Verlobung der einzigen Tochter des reichsten Gemeindcmitgliedcs mit dem unbemittelten jungen Manne erregte allgemeine Sensation, Jeder staunte. Doch daß das reiche Mädchen von jeher der verhätschelte Liebling ihrer Eltern gewesen, daß dieselben nie im Stande gewesen waren., ihr einen Wunsch zu versagen, war stadtbekannt. Man fand eS daher fefjr bald er* klärlich. daß Erna auch in dieser Beziehung ihren Willen durchgesetzt hatte.׳ (Fortsetzung folgt.) ׳ ׳־ :

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