Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1887)
- Article
- Bilder aus der Gegenwart
- Date
- 1887-10-27
- Page
- 679 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2932754-2932755-2932797-2937118--26356-2937162- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
679 ״Für heute können wir es ihr noch ersparen, wir wollen ihr den Sabbath nicht verderben. Wollner wird schwerlich vor Nacht nach Hause kommen, und wenn die Andern fortgehen, kommen sie auch vor Hawdoloh nicht zurück. - Svrge nur dafür, daß Necha heute nicht ausgeht; bei diesem andauernden Schneegestöbcr sind wir vor Besuchen sicher, so wird sie es wenigstens heute am Tage nicht erfahren." Seine Frau aber meinte: ,.Viel haben wir damit nicht gewonnen — aber Du hast Recht, je spater sie cs erfährt, um so besser." Sie begab sich wieder in das Speisezimmer, die jungen Männer hatten sich bereits entfernt, Rccha hatte ein Buch in der Hand und schien zu lesen. Doch so wie sie die Mutter erblickte, sprang sie auf und eilte ihr entgegen. ״Mama, weißt Du nicht, was Wollner begegnet ist? — eS scheint etwas sehr Angenehmes, er hat förmlich gestrahlt." Die Mutter zuckte die Achseln. ״Er hat mich nicht ins Vertrauen gezogen." ״Aber Papa wird er es mitgetheilt haben — meinst Du nicht?" ״Es kann sein." ״So wie Papa ausgeschlafcn hat, muß ich's erfahren." ״Wer wird so neugierig sein," sagte Frau Friedheim, einen scherzhaften Ton erzwingend. ״Ein bischen Neugierde schadet gar nichts," entoegnete Recha lachend. ״Uebrigeus," fugte sie ernster hinzu, ״ist cs durchaus nicht Neugierde allein, die mich cS wünschen läßt zu erfahren, was Wollner begcgnct ist, sondern daß aufrichtige Interesse, das ich für ihn hege." Es war zum ersten Mat, daß sie sich so offen aussprach, die Mutter unterdrückte einen Seufzer, nahm gleichfalls ein Buch und schien sich in ihre Vcfiiirc zu vertiefen, dennoch entging (s ihr nicht, daß Rccha häufig auf die Thür blickte, sie erwartete den Later. Fricdheim hatte jedoch die Absicht seiner Tochter errathcn. Gegen seine Gepflogenheit war er daher direkt aus seinen! Zimmer zum NachiniiragsgoltcSdieust in die Synagoge gegangen und kam erst ziemlich spät nach Hause. Frau und Tochter traf er noch lesend. ״Guten Sabbath," sprach er, ins Zimmer tretend. ״Aber was fällt Euch denn ein, in der Dämmerung zu lesen? Fort mit den Büchern! Ihr verderbt Euch die Augen." ״Ich lese schon nicht mehr," rief Necha, ihr Buch bei Seite schiebend. ״Hast Du uns viele Neuigkeiten mitgebracht, Papa?" ״O, gewiß," eutgegnetc er, ״einen ganzen Sack voll." ״Einen Sack voll?" lachte sie, ״und den hast Du am Sabbath getragen? — aber nun wirst Du auSpacken, nicht wahr?" ״Gleich, gleich. Kind. Vor Allem 'muß ich mich anSpackcn," und mit NcchaS Hülfe!egte er seinen Mantel ab und vertauschte den Hut gegen eine leichte Hauskappe. ״Jetzt wirst Du uns den Sack voll Neuigkeiten zum Besten geben, nicht wahr, Papa?" ״Kleine Neugierige, Du! — eigentlich sollte ich cs nicht thun." ״Aber uneigentlich wirst Du es ja thun, nicht wahr, Papachcn?" ״Schmeichelkätzchen!— Also, so hört denn zu — aber Mama muß zuvor das Buch sortlegcn, sonst müßte ich zwei Mal erzählen." ״Mama liest schon nicht mehr," versetzte Recha, ״also bitte, Papa, fange an." ״Nun also. — Neueste aller Neuigkeiten ist, daß Frau Leah Fischet heute Nachmittag ein Söhnchen bekommen hat." ״Das ist schön! das freut mich!" sagte Frau Fricdheim lebhaft, ״das wird eine Freude sein! — Nach sieben Mädchen den ersten Knaben. — War ihr Mann in der Synagoge?" ״Gewiß, dadurch habe ich's doch erfahren; er hat seiner Frau und dem Neugeborenen Mischeberach machen lassen und für alle Wohlthatigkcilsaustalten reiche Spenden gelobt." ״Das kann ich mir denken. — Wie viele Jahre hat der Mann sich einen Sohn gewünscht — und nun endlich —" ״Aber Du hast doch noch mehr Neuigkeiten mitgebracht, Papa, Herrn FischelS kleiner Bube macht doch den Sack nicht voll — also?" ״Wenn Fischcl Dich hören würde, daß Du seinen Sohn als etwas Geringfügiges betrachtest." ״Er ist doch noch klein," cntgcgnete sie lächelnd. ״Doch in! Ernst, ich nehme von Herzen Theil an ihrer Freude. — Aber nun, bitte, lieber Papa, berichte uns die andern Neuigkeiten." ״Also Numero Zwei. Auguste Kohn hat sich mit ihrem Onkel Hermann Levi verlobt." ״Das ist für mich keine Neuigkeit," sagte Recha, ״das hat Auguste mir schon vorgestern mitgetheilt." ״Mir nicht," versetzte Fricdheim, indem er unwillkürlich zum Fenster hinsah. . Plötzlich fuhr er zusammen und verfärbte sich. ״Ich habe noch mitzutheiten, daß Wollner sich mit Erna verlobt hat," sagte cr hastig, ״ich sehe sie dort gehen, sie kommen sicher zu uns." Leichenblaß, mit weit aufgerissenen Augen hielt sich Necha, an allen Gliedern bebend, an einer Sessellehne.' Ihr Vater trat rasch zu ihr, und sie zärtlich