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Jeschurun · 1887-10-27 · Heft 43 (27.10.1887) · p. 674

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 43 (27.10.1887)
Article
Zum Wiederbeginn der Thora
Date
1887-10-27
Page
674 (sequence 2)
Language
German
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674 trennbar verknüpft. Da sieht er sich im Geiste zurückversetzt in die Tage seiner frühesten Kindheit, und die Mutter, die längst in die ewige Sabbathrnhe heimgegangene, steht wieder vor seinem inneren Auge und sic hebt weihend die Hände zu den Sabbathlichtern und spricht leise den Scgenssp'ruch. — Und er steht wieder neben ihr, klein, ganz klein, und blickt zu ihr empor mit den Geschwistern — kein lautes Wort wird ge-- sprachen, die Mutter betet ja — und ein Enget schwebt durchs stille Sabbathzimmer — 0 wie wenig, wie unendlich wenig gehörte doch dazu, um den kleinen beschcideucn Raum zum sabbathlichcn Fcstzimmer umzu-- wandeln, voll herzerquickender Innigkeit und wonniger Glückseligkeit, von denen wir in unfern Prunkgemächern und unfern stilvollen ״Speisezimmern" keine Ahnung haben — es ist der Friedensengel des Sabbath. — Und er sieht den Vater hcimkommen ״ans Schul", jetzt segnet er die Kinder, jetzt begrüßt er die Sabbathengcl und jetzt hebt er, Sabbathfriedeu im Herzen, Sabbath- Wonne auf dem Gesichte, den Kelch empor und: יום חששי ויכלן' strömt cs lallt und innig von seinen Lippen. — Der Gedanke an diesen Freitagabend hat dann später den Jüngling hinansüeglcitet in die Fremde — und wenn ihm die ganze Woche in der Großstadt gefiel unter den fremden Menschen, mit dem Sabbatheintritt zogs stets wie Heimweh in seine Brust, und im Geiste war er daun stets bei den fernen Eitern. — Und Gott hat seiner Ellern heißestes Gebet erhört, und er ist als jüdischer Mann hcimgckehrt und hat selbst ein Haus gegründet, und als jüdischer Mann und Vater steht er da im. Kreise der Seinen, und wenn bei ihm der Sabbath cinzieht, ist er vielleicht schon so glücklich, das Be-׳ wußtscin zu haben, daß auch im Hause und im Herzen seiner erwachsenen scrnen Kinder jetzt Sabbath ist, und daß seine Enkel so zu seiner Tochter aufblicken, wie sein Kindekaugc einst zu seiner Mutter aufgcschaut — und: יום חששי ויכלו strömt's von seinen Lippen, wie cr'S allsabbathlich von je gehört und gesprochen, so weit seine Erinnerung zurückreicht. — Darum alljährlich, wenn nun wieder znrückgerollt ist das Buch der Thora und nun im Zusammenhänge mit der Schöpfungsgeschichte ihm diese selben Worte der Sabdathurkunde vorgclejcn werden, die den Sabbath als Vollendung, als Schlußstein der Schöpfung bezeichnen, so wird in ihm das Bewußtsein erneut und befestigt, daß das was ihm vorschwebt aus zartester Kindheit, was ihm allwöchentlich das eigene Leben verklärt und weiht und was er als!Heuerstes Vermächtniß seinen Kindern zu hinterlasscu strebte und strebt, daß der heilige Sabbath, wie er im acht jüdischen Leben seine Verwirklichung sendet, nicht etwa ״pietätvoll bewahrter Vatcrbrauch", ״pietätvoll gepflegte VLLersittc", ״pietätvoll beibchaltenes uraltes Herkommen", nicht ein Stück altjüdischer Romantik sei, sinnig vielleicht in der ״Idee", aber unsinnig, wenn er mit seinen Anforderungen Ernst machen und in allem Ernste das Opfer des Geschäftes, der freien Bewegung von Hand und Fuß von uns fordern sollte —: sondern daß sein heiliger Sabbath ein Theil der göttlichen Weltordnung, daß er vom Schöpfer unmittelbar nach vottendetcnl Schöpfungswerke gestiftet sei, um das Bewußtsein von Gott und von Menschenbeftimmung und Menschenpflicht wach zu halten vor aller Verdunkelung durch Lcideuhaften und Verirrungen, die in den großen Stürmen der Weltgeschichte und in den kleinen Stürmen deö Einzellebens die Geister der Menschen trüben und zur Leugnung Gottes und zur Verkennung ihres Dienerbcruscs bethörcn. Zn diesem Augenblicke wird cS ihm stets von neuem klar, daß nicht ״Sitte" und nicht ״Brauch", sondern ein Stück Wirklichkeit gewordenes Gotteswort der Sabbath seiner Ellern und der eigene Sabbath ist. Ein Strahl des Lichtes der sieben Schöpsungs- Lage und ein Strahl des einstigen in ferner Zukunft der Menschhcitserlösnng verheißenen Lichtes mischt sich in das Sabbathlicht —: das isl's, was das Sabbathlicht so hell und die Sa'obathstnbe so lichtdurchflrahlt macht. Und er begreif! jetzt Vater und Mutter und begreift sich und sein Weib und seine Söhne und Töchter als menschheitpriesterliche Wächter und Hüter und Bewahrer des SabbalhS während jener Zeit der Erziehung der Menschheit durch Gott, die durch das 7ל?<שוו der Sabdathurkunde bezeichnet wird. Spricht ja zu ihm dies ל?<שדת: in dem Augenblicke, in welchem mit Eintritt des ersten Sabbaths die Schöpfung der Welt vollendet war, begann die Erziehung des Menschen zum freien Gottcsdiencr: Dazu ״stattelc Gott den Sabbath mit segnender und mit heiligender Kraft ans". — Und cs weilet sich seine Brust zum AllumschLuß der Menschheit, nud es öffnet sich sein Auge, und über alles Ncbcldüster der Gegenwart hinweg schaut er in seinem Sabbathlichte den FrührothSstrahl des fernen Völkcrmorgens, au welchem sic alle, alle einen Bund bilden, Gottes Willen zu cifüllen, ״im Lichte Gottes alle wandeln", und ״um dem Sabbath zu genügen der daun שבתו, ihr Sabbath geworden sein wird, die ganze Menschheit hcimkommt, mn sich Gott huldigend hinzugebcn." Haben wir zu viel gesagt oder waren wir im Rechte, wenn wir meinten, daß die Erkenntniß unserer selbst, unserer eigenen Gegenwart. Vergangenheit und Zukunft im Lichte der ewigen Wahrheit uns in den Eingangs angeführten Worten entgegengebracht werde? M. H.

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